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"Wohlstand für Alle" braucht "Gesundheit für Alle" – Heidelberger Forschende fordern nationale Präventionsstrategie

Deutschland gibt hohe Summen für die Gesundheit aus – dennoch liegt die Lebenserwartung nur leicht unter dem europäischen Mittelwert. Eine konsequentere Ausrichtung auf flächendeckende Prävention und Gesundheitsförderung könnte sowohl die Gesundheit der Bevölkerung stärken als auch gesundheitliche Ungleichheiten verringern und Kosten senken. In einem aktuellen Kommentar im Fachjournal Health Policy erläutern Forschende der Medizinischen Fakultät Mannheim der Universität Heidelberg im Kontext des Koalitionsvertrags, welche historische Chance sich für die derzeitige schwarz-rote Bundesregierung bietet.

Die Effektivität von Präventionsmaßnahmen ist gut dokumentiert, und die gesellschaftliche Zustimmung dazu ist vorhanden. Das Autor:innenteam um Marike Andreas und Prof. Falko Sniehotta von der Abteilung für Public Health, Sozial- und Präventivmedizin der Universitätsmedizin Mannheim betont daher: Die aktuelle Bundesregierung hat jetzt die Chance, zukunftsweisend zu handeln und einen nachhaltigen Wandel einzuleiten, um Prävention strategisch, strukturell und praxisorientiert in den Mittelpunkt zu stellen.

Effektive Prävention ist ein Gewinn für alle

Nicht-übertragbare Erkrankungen wie Typ-2-Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder bestimmte Krebsarten gehören zu den häufigsten Todesursachen in Deutschland – viele davon wären jedoch vermeidbar. Die Risikofaktoren, darunter Tabak- und Alkoholkonsum, ungesunde Ernährung oder Bewegungsmangel, sind seit Langem bekannt. Dennoch fehlt es bislang an einer umfassenden nationalen Präventionsstrategie, die diese Risikofaktoren auf Bevölkerungsebene systematisch adressiert.

Gleichzeitig nehmen gesundheitliche Ungleichheiten in Deutschland zu, sichtbar etwa in der Lebenserwartung zwischen wohlhabenden und sozioökonomisch benachteiligten Stadtteilen. „Wohlstand für Alle“, wie die Regierung im Koalitionsvertrag formuliert, ist untrennbar mit „Gesundheit für Alle“ verbunden. Nur ein grundlegender Strategiewechsel – weg vom ausschließlichen Fokus auf Behandlung hin zu struktureller und flächendeckender Prävention und Gesundheitsförderung – kann dazu beitragen, die gesundheitlichen, sozialen und finanziellen Herausforderungen der Zukunft zu bewältigen. Dabei kann die Regierung auf fundierte wissenschaftliche Erkenntnisse und die Unterstützung der Forschung zurückgreifen.

Politischer Gestaltungswille gefragt

Die neue Bundesregierung spricht Prävention zwar im Koalitionsvertrag an, setzt nach 100 Tagen im Amt jedoch noch nicht auf konkrete, evidenzbasierte Maßnahmen. Dabei existieren zahlreiche Interventionen, die auf Bevölkerungsebene bereits ihre Wirksamkeit gezeigt haben und gleichzeitig zur Verringerung gesundheitlicher Ungleichheiten beitragen – wie etwa die von der WHO empfohlenen sogenannten „Quick Buys“. Diese Maßnahmen entfalten bereits nach kurzer Zeit Wirkung, zum Beispiel ein Verbot von Alkoholwerbung. Im Kommentar plädieren die Autor:innen daher für einen echten Paradigmenwechsel: Statt punktueller Einzelmaßnahmen sei eine gesamtstaatliche, umfassende Präventionsstrategie notwendig, die klare politische Zuständigkeiten definiert und den Mut zu strukturellen Reformen aufbringt.

„Die neue Regierung hat die Chance, Prävention zum politischen Gestaltungsfeld zu machen – für mehr Gesundheit, weniger Ungleichheit und eine nachhaltige Entlastung des Gesundheitssystems“, sagt dazu Prof. Sniehotta.

Die Autor:innen empfehlen daher:

  • Die Entwicklung einer nationalen Präventionsstrategie 
  • Die Ernennung einer/eines Bundesbeauftragten für Prävention 
  • Die Umsetzung von kosteneffektiven Interventionen in dieser Legislaturperiode – etwa die von der WHO empfohlenen „Quick Buys“ 

Fazit: Die Chance ist jetzt

Gesundheitspolitik muss proaktiv agieren und Prävention als zentrales Steuerungsinstrument begreifen – sowohl für die Gesundheit der Bevölkerung als auch als Hebel für soziale Gerechtigkeit und wirtschaftliche Nachhaltigkeit. Nur auf diesem Weg lässt sich das deutsche Gesundheitssystem zukunftsfähig gestalten.

Wissenschaftliche Ansprechpartner:
Marike Andreas M.Sc.
Medizinische Fakultät Mannheim der Universität Heidelberg
Zentrum für Präventivmedizin und digitale Gesundheit (CPD)
Public Health, Sozial- und Präventivmedizin
Röntgenstraße 7
D-68167 Mannheim
marike.andreas@medma.uni-heidelberg.de

Originalpublikation:
Andreas M, Kellermann L, Lewerich L, Sniehotta FF. 
New government, old habits? The opportunity for a turning point in prevention health policies in Germany is now. 
Health Policy. 2025. 
https://doi.org/10.1016/j.healthpol.2025.105409

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