Die FinanzKommission Gesundheit (FKG) hat ihren ersten Bericht vorgelegt, der kurzfristige Reformmaßnahmen zur Stabilisierung der Beitragssätze der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) ab dem Jahr 2027 enthält. Ziel ist es, die finanzielle Tragfähigkeit der GKV sicherzustellen und gleichzeitig ein hohes Qualitäts- und Leistungsniveau der Versorgung zu bewahren.

Zentrale Erkenntnisse

Die Prognosen der FKG zeigen, dass die Ausgaben der GKV deutlich schneller steigen als die Einnahmen. Ohne Reformen würde der durchschnittliche Zusatzbeitragssatz bereits 2027 von derzeit 2,9 % auf 3,7 % ansteigen und bis 2030 auf 4,7 % klettern. Die daraus resultierende Deckungslücke würde 2027 bei 15,3 Mrd. € liegen und bis 2030 auf 40,4 Mrd. € anwachsen. Für ein durchschnittliches Mitglied der GKV würde dies Mehrbelastungen von 260 € im Jahr 2027 bis zu 680 € im Jahr 2030 bedeuten, jeweils zur Hälfte durch Versicherte und Arbeitgeber zu tragen.
Die FKG identifizierte als wesentliche Ursache der Ausgabendynamik die Preiskomponente im Gesundheitswesen. Auf der Einnahmenseite stellt die stagnierende sozialversicherungspflichtige Beschäftigung eine zentrale Herausforderung dar.

Reformempfehlungen

Der Bericht umfasst insgesamt 66 Reformempfehlungen mit einer prognostizierten Finanzwirkung von 42,3 Mrd. € im Jahr 2027 und 63,9 Mrd. € im Jahr 2030. Die Empfehlungen lassen sich drei Kategorien zuordnen:

  • A*: Einsparungen oder Einnahmen mit positiven Auswirkungen auf Versorgungsqualität und Eigenverantwortung der Versicherten. Beispiele: obligatorisches Zweitmeinungsverfahren bei mengensensiblen Eingriffen, Ausbau des Krankengeldfallmanagements.
  • A: Einsparungen ohne erwartbare negative Auswirkungen auf Qualität, Zugang oder Verteilungsgerechtigkeit. Beispiele: Streichung von TSVG-Vergütungen, Korrektur der Laboruntersuchungen im Gesundheits-Check-up, Preismoratorium bei Heilmitteln.
  • B: Maßnahmen mit potenziell unsicheren oder negativen Effekten auf Versorgung, Zugang oder Verteilungsgerechtigkeit. Beispiele: Reduzierung der Innovationsfonds-Finanzierung, Absenkung von Krankengeldzahlungen, Streichung initialer Preisfreiheit bei Hilfsmitteln.

Die Empfehlungen decken alle Bereiche des Gesundheitswesens ab, einschließlich ambulanter und stationärer Versorgung, Arzneimittel, Heilmittel, Prävention, Krankengeld, sowie Maßnahmen zur Stärkung der Einnahmenseite.

Schwerpunkte

  • Begrenzung der Ausgabendynamik: 45 % der Einsparungen sollen bei Leistungserbringern und Herstellern erzielt werden, 10 % über moderate Anpassungen durch Patienten, 11 % über zusätzliche Beiträge und 30 % über die Erstattung versicherungsfremder Leistungen durch den Bund.
  • Stärkung evidenzbasierter Medizin: Leistungen ohne nachgewiesenen Nutzen sollen grundsätzlich nicht erstattet werden.
  • Förderung der Prävention: Erhöhung von Tabak- und Alkoholsteuern sowie Einführung einer gestaffelten Steuer auf zuckergesüßte Getränke.
  • Stabilisierung der Beitragseinnahmen: Anpassungen der beitragsfreien Ehegattenversicherung und Beiträge für geringfügig Beschäftigte.

Den vollständigen Bericht können Sie hier einsehen.

Weiteres Vorgehen

Die Kommission beziffert die bestehende Finanzlücke der GKV auf über 15 Mrd. € im Jahr 2027, die sukzessive auf über 40 Mrd. € im Jahr 2030 ansteigt. Zur kurzfristigen Stabilisierung der GKV-Finanzen hat die Kommission 66 Empfehlungen über alle Bereiche der GKV formuliert.
Das Bundesministerium für Gesundheit wird die Vorschläge des Berichts zügig prüfen und auf dieser Grundlage sehr zeitnah ein Gesetzgebungsverfahren einleiten. Ziel ist es, kurzfristig wirksame Maßnahmen umzusetzen, um die Finanzsituation der GKV ab 2027 zu stabilisieren. Die Krankenkassen benötigen Planungssicherheit für die Festlegung ihres kassenindividuellen Zusatzbeitragssatzes. Parallel dazu wird die FinanzKommission Gesundheit ihre Arbeit fortsetzen. Bis Ende 2026 wird sie weitere Vorschläge für mittel- bis langfristige Strukturreformen in der GKV vorlegen.

Ausblick

Ein zweiter Bericht wird Ende 2026 folgen und mittel- bis langfristige Strukturreformen der GKV behandeln. Ziel bleibt die nachhaltige Sicherung der Beitragssatzstabilität bei gleichzeitiger Gewährleistung einer qualitativ hochwertigen Versorgung.


Zur Pressemitteilung: https://www.bundesgesundheitsministerium.de/presse/pressemitteilungen/finanzkommission-gesundheit-ergebnisse-30-03-26

Foto: Bundesgesundheitsministerin Nina Warken mit Mitgliedern der FinanzKommission Gesundheit (c) BMG/Xander Heinl

Altersgerechte Therapien, Psychotherapie vor Medikamenten, erweiterte Zusatzangebote und eine stärkere Einbindung von Kindern und Eltern – das sind die Kernpunkte der überarbeiteten S3-Leitlinie „Behandlung depressiver Störungen bei Kindern und Jugendlichen“. Sie fasst den aktuellen Forschungsstand zusammen, liefert praxisnahe Handlungsempfehlungen und stärkt die psychiatrische und psychotherapeutische Versorgung junger Menschen mit Depressionen erheblich. Die Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie am LMU Klinikum München hat die Leitlinie im Auftrag der DGKJP federführend überarbeitet. Die Veröffentlichung erfolgte im März 2026.

Depressive Störungen zählen weltweit zu den häufigsten psychischen Erkrankungen und können bereits im frühen Kindesalter auftreten. Im Jugendalter steigt die Prävalenz deutlich auf etwa acht Prozent. Sie verursachen eine erhebliche Krankheitslast und belasten sowohl die Betroffenen als auch ihre Familien. Die COVID-19-Pandemie verschärfte diese Entwicklung durch soziale Isolation und Zukunftsängste: international stiegen depressive Symptome auf rund 25 Prozent, in Deutschland auf bis zu 24 Prozent. Zwar sanken die Werte nach der Pandemie wieder, die psychische Belastung blieb jedoch weiterhin erhöht.

Mit der Veröffentlichung der aktualisierten S3-Leitlinie „Behandlung depressiver Störungen im Kindes- und Jugendalter“ im Leitlinienregister der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften e.V. (AWMF) steht Fachpersonen im Gesundheitswesen eine umfassend überarbeitete, evidenzbasierte Behandlungsleitlinie zur Verfügung. Federführend bearbeitet wurde sie von Prof. Dr. Gerd Schulte-Körne und seinem Team, die aktuelle wissenschaftliche Studien ausgewertet und daraus konkrete Behandlungsempfehlungen abgeleitet haben.

„Es war beeindruckend, wie viele neue Studien zur Behandlung der Depression im Kindes- und Jugendalter in den letzten Jahren veröffentlicht wurden, die Eingang in die neuen Empfehlungen gefunden haben“, sagt Prof. Dr. Gerd Schulte-Körne, Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie am LMU Klinikum München. „Vor allem die frühzeitige Beteiligung der Kinder und Jugendlichen mit einer Depression an den Therapieentscheidungen auf der Basis einer alters- und entwicklungsangemessenen Aufklärung und Partizipation ist eine wichtige Neuerung in der Leitlinie“, ergänzt der Klinikdirektor. „Eine wichtige neue Empfehlung ist, dass unabhängig vom Schweregrad der Depression nach der fachärztlichen Diagnosestellung eine Behandlung immer erfolgen soll.“

Depressive Erkrankungen verlaufen häufig phasenweise, von wenigen Wochen bis zu mehreren Monaten, und führen zu erheblichen Beeinträchtigungen der psychosozialen Entwicklung, insbesondere im schulischen und späteren beruflichen Bereich. Außerdem erhöhen sie das Risiko für weitere psychische und somatische Erkrankungen. Da sich Symptomatik, Behandlungsbedarf und Wirksamkeit therapeutischer Ansätze altersabhängig unterscheiden, lassen sich Erkenntnisse aus dem Erwachsenenbereich nicht einfach auf Kinder und Jugendliche übertragen.

Die aktualisierte Leitlinie bündelt die wissenschaftliche Evidenz zur Wirksamkeit verschiedener Behandlungsansätze und unterstützt Behandelnde bei der Auswahl und Planung geeigneter Therapien. Ziel ist es, die leitliniengerechte Versorgung von Kindern und Jugendlichen mit Depression zu stärken, Krankheitsdauer und Rückfallrisiken zu reduzieren und gleichzeitig unerwünschte Neben- und Folgewirkungen möglichst gering zu halten.

Die aktualisierte Leitlinie bringt vier zentrale Neuerungen:

  • Altersdifferenzierte Empfehlungen: Für Kinder und Jugendliche gibt es erstmals separate Empfehlungen für drei Altersgruppen (3–6, 7–12, 13–18 Jahre), z. B. familienbasierte Therapien für jüngere Kinder und interpersonelle Therapie für ältere Kinder.
  • Psychotherapie vorrangig: Kognitive Verhaltenstherapie bleibt die Therapie der ersten Wahl. Die Pharmakotherapie wurde erweitert: Neben Fluoxetin gelten nun auch Sertralin und Escitalopram als Mittel der ersten Wahl bei mittelgradigen und schweren Depressionen.
  • Ergänzende Maßnahmen: Sport, künstlerische Therapien und Interventionen der Kinder- und Jugendhilfe werden stärker berücksichtigt, um die Behandlung interdisziplinär und ganzheitlich zu gestalten.
  • Partizipative Einbindung: Kinder, Jugendliche und Eltern sollen aktiv in Behandlungsentscheidungen einbezogen werden, unter Berücksichtigung von Entwicklungsstand, individuellen Bedürfnissen und evidenzbasierter Empfehlungen.

Aktualisierte Online-Informationen für Kinder, Jugendliche und Eltern

Das Webportal „ich bin alles“ (www.ich-bin-alles.de) wurde von der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie des LMU Klinikums gemeinsam mit der Beisheim Stiftung (www.beisheim-stiftung.com) entwickelt. Es erklärt Depressionen altersgerecht und verständlich und vermittelt die Inhalte der Leitlinie zielgruppengerecht. Kinder und Jugendliche erhalten dort Informationen zu Formen, Ursachen und evidenzbasierten Behandlungsmöglichkeiten sowie zu Hilfsangeboten. Die Inhalte wurden partizipativ erstellt und in jugendgerechter Sprache über Texte, Podcasts, Videos und Erfahrungsberichte aufbereitet; ein Präventionsteil stärkt die psychische Gesundheit. Ein eigener Bereich bietet Eltern praktische Unterstützung. Im Rahmen der Leitlinienaktualisierung wurden sämtliche Inhalte der Website überarbeitet und angepasst.

Die Wirksamkeit des Portals ist wissenschaftlich belegt: Studien zeigen, dass die Inhalte gut verstanden, behalten und positiv bewertet werden (Kloek, Primbs et al., 2025; Kloek, Zsigo et al., 2025; Iglhaut et al., 2024). Ergänzend bietet „ich bin alles @Schule“ ein Informationsangebot für Lehrkräfte. Es vermittelt evidenzbasiertes Wissen zu Depression und psychischer Gesundheit und gibt praxisnahe Hinweise zum Umgang mit betroffenen Schülerinnen und Schülern – unter anderem über eine kostenfreie Online-Fortbildung.


Zur Pressemitteilung: https://www.lmu-klinikum.de/newscenter/pressemitteilungen/depression-bei-kindern-und-jugendlichen-neue-empfehlungen-fur-die-behandlung/abd02fbe0b76cead

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Mehr als 600 Teilnehmende der Dortmunder Vital-Studie werden zum dritten Mal eingeladen, an einem der bedeutendsten Langzeitprojekte zum gesunden Altern mitzuwirken. Seit dem Start 2016 verfolgt das Forschungsteam des Leibniz-Instituts für Arbeitsforschung (IfADo) in Dortmund die Proband:innen über große Lebensabschnitte, um herauszufinden, welche Faktoren Körper und Geist auch im Alter leistungsfähig und gesund halten.

„Die Teilnahme an der Dortmunder Vital-Studie ist ein enorm wertvoller Beitrag zur Forschung. Ohne die engagierten Teilnehmenden wäre ein solches Langzeitprojekt nicht möglich“, sagt Prof. Dr. Edmund Wascher, wissenschaftlicher Direktor des IfADo. Viele Teilnehmende sind bereits seit fast zehn Jahren dabei und können stolz auf ihre Mitwirkung in dieser einzigartigen Studie zurückblicken. Mit ihrer Teilnahme leisten sie einen wichtigen Beitrag dazu, die Grundlagen für gesundes Altern in unserer Gesellschaft besser zu verstehen.

Umfassender Blick auf das menschliche Altern

Alle fünf Jahre durchlaufen die Teilnehmenden umfassende Untersuchungen: gemessen werden Herzaktivität, Blut- und Haarproben, EEG- und MRT-Aufnahmen der Gehirnaktivität, Fitnesswerte sowie Intelligenz- und Gedächtnistests, ergänzt durch psychologische Fragebögen. „Die Kombination dieser vielfältigen Methoden ermöglicht uns einen tiefgehenden Blick auf die biologischen, psychischen und sozialen Faktoren des Alterns“, erklärt Professor Wascher. „Besonders die detaillierten Aufzeichnungen der Gehirnaktivität sind weltweit außergewöhnlich.“ Über 25 Mitarbeitende aus allen Abteilungen des IfADo arbeiten engagiert zusammen, um einen reibungslosen Ablauf sicherzustellen und die Daten sorgfältig zu erheben.

Großteil der Stichprobe ist berufstätig

Mit über 70 % berufstätigen Teilnehmenden bildet die Studie nicht nur die breite Bevölkerung ab, sondern liefert auch wertvolle Einblicke, wie Arbeitsbedingungen, soziale Faktoren und Alltagsverhalten Gesundheit und Leistungsfähigkeit beeinflussen. Langfristig könnten die Ergebnisse dazu beitragen, Arbeitsumgebungen so zu gestalten, dass Menschen länger gesund, motiviert und leistungsfähig bleiben.

Daten international von Bedeutung

Die wissenschaftlichen Daten der Dortmunder Vital-Studie haben internationale Strahlkraft. Als registrierte Kohorte werden die anonymisierten Daten auch externen Forschungsteams zugänglich gemacht, wodurch jede einzelne Messung weit über das Dortmunder Projekt hinaus Wirkung entfaltet. Die Teilnehmenden leisten so einen zentralen Beitrag zur globalen Erforschung des gesunden Alterns. 

Daten liefern Ergebnisse darüber, welche Faktoren schneller altern lassen

Die Studie liefert bereits jetzt entscheidende Erkenntnisse darüber, welche Faktoren das Altern beschleunigen oder verlangsamen. So zeigen die Ergebnisse, dass Unterschiede in Stressreaktionen, Immunalter, körperlicher Fitness und kognitiver Leistungsfähigkeit oft größer sind als vom Alter allein zu erwarten. Chronischer Stress – insbesondere bei Menschen mit belasteter Kindheit – erhöht das Risiko für Depressionen, ältere Erwachsene profitieren stärker von körperlicher Aktivität als Jüngere, und anspruchsvolle Arbeit hält das Gehirn länger fit. Auch bei Krankheitsbildern wie Burnout, Infektionen mit Toxoplasma gondii und Veränderungen von Immunparametern trägt die Studie dazu bei, die entscheidenden Einflussfaktoren auf Gesundheit und Leistungsfähigkeit besser zu verstehen.

Mit der dritten Runde festigt die Vital-Studie ihre Stellung als eines der wichtigsten Langzeitprojekte in der Region. Für die Teilnehmenden bedeutet das, dass sie gemeinsam mit den Forschenden ein Stück Wissenschaftsgeschichte schreiben – zumindest in Dortmund.

Aktuelle Forschungsergebnisse finden Sie hier: https://vital-study.ifado.de/home


Zur Pressemitteilung: https://www.ifado.de/de/newsroom/news/dortmunder-vital-studie-zum-gesunden-altern-geht-in-die-dritte-runde

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