Image

Wolfgang Schroeder, Saara Inkinen

Attraktive Pflegeberufe durch Tarifautonomie
Bedingungen und Potenziale dynamischer Arbeitsbeziehungen in Zeiten des Fachkräftemangels

Springer VS, Wiesbaden 2025, 244 Seiten, 79,99 €, ISBN 978-3-8376-7102-8

Das Buch „Attraktive Pflegeberufe durch Tarifautonomie“ widmet sich einem der zentralen Herausforderungen im deutschen Gesundheitswesen: dem Fachkräftemangel in der Pflege und den Möglichkeiten, über tarifpolitische Gestaltungsspielräume zu einer Aufwertung und Attraktivierung der Pflegeberufe beizutragen. Vor dem Hintergrund zunehmender Arbeitsbelastung, Personalknappheit und demografischer Entwicklungen analysieren die Autor:innen die Potenziale dynamischer Arbeitsbeziehungen im Spannungsfeld von Arbeitgeberinteressen, Gewerkschaften und staatlicher Rahmensetzung.

Prof. Dr. Wolfgang Schroeder ist Politikwissenschaftler und Professor für das politische System der BRD – Staatlichkeit im Wandel an der Universität Kassel sowie am Wissenschaftszentrum Berlin. Seine Forschungsschwerpunkte sind Arbeitsbeziehungen, Sozialpolitik und Gewerkschaftsforschung. Dr. Saara Inkinen ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Fachgebiet Politisches System der BRD an der Universität Kassel. Sie forscht zu Arbeitsbeziehungen, Tarifpolitik und Pflegepolitik und publizierte bereits Aufsätze zur Tarifierung im Pflegesektor und zur Rolle von Interessenvertretungen in der Pflege.

Das Buch entstand im Rahmen des Forschungsprojektes „Attraktivität durch Tarifautonomie?“, gefördert durch die Hans-Böckler-Stiftung, und basiert auf einer Kombination aus empirischer Feldforschung, tarifpolitischen Analysen und politikwissenschaftlichen Modellen der Arbeitsbeziehungen. Es ist Teil einer Reihe von Publikationen, die auf den Zusammenhang von Pflegearbeitsmärkten, Tarifpolitik und Fachkräftesicherung fokussieren.

Das Werk ist in acht Kapitel gegliedert, die in einem klaren, analytischen Fluss aufeinander aufbauen. Nach einer Einführung in die Problematik des Fachkräftemangels und den aktuellen Stand der Arbeitsbeziehungen in der Pflege wird die Rolle der Tarifautonomie als potenzielles Instrument zur Steigerung der Attraktivität von Pflegeberufen beleuchtet. Das Buch untersucht empirisch konkrete tarifpolitische Initiativen in verschiedenen Bundesländern und analysiert dabei sowohl Erfolge als auch Barrieren dynamischer Arbeitsbeziehungen. Abschließend wird eine Bewertung der bisherigen Entwicklungen vorgenommen, verbunden mit konkreten Empfehlungen für Politik, Arbeitgeber und Gewerkschaften zur Stärkung der Tarifautonomie und zur Schaffung attraktiver Arbeitsbedingungen in der Pflege.

Die Publikation liefert erstmals eine systematische und empirisch fundierte Analyse dazu, wie Tarifautonomie zur Steigerung der Attraktivität von Pflegeberufen beitragen kann. Neu ist insbesondere die Kombination von Arbeitsbeziehungsforschung mit pflegepolitischen Fragestellungen, wodurch das Werk eine Lücke zwischen arbeitsmarktpolitischen, tarifrechtlichen und pflegewissenschaftlichen Perspektiven schließt. Die Autoren zeigen, dass Tarifpolitik nicht nur ein Mittel zur Lohn- und Arbeitszeitgestaltung ist, sondern strategisch als Instrument zur Fachkräftesicherung genutzt werden kann, indem Arbeitsbedingungen verbessert, Aufstiegsperspektiven geschaffen und Verbleib im Beruf gefördert werden. Zudem wird das Wechselspiel zwischen staatlichen Rahmenbedingungen, Arbeitgeberinteressen und gewerkschaftlichen Strategien detailliert herausgearbeitet, was in dieser Tiefe bisher selten im Pflegekontext analysiert wurde. Die differenzierten Fallanalysen zu tarifpolitischen Initiativen auf Bundes- und Länderebene machen das Buch zu einem praxisnahen Werkzeug, um erfolgreiche Ansätze zu identifizieren.

Die Publikation bietet einen hohen praktischen und strategischen Nutzen für mehrere Zielgruppen. Arbeitgeber in der Pflege erhalten Einblicke, wie sie über tarifpolitische Gestaltungsspielräume Arbeitsbedingungen attraktiver gestalten und Personal langfristig binden können. Gewerkschaften und Interessenvertretungen erhalten Argumentationshilfen und empirische Belege, die sie in Verhandlungen nutzen können, um für verbesserte Arbeitsbedingungen einzutreten. Politische Entscheidungsträger erhalten Impulse, wie tarifpolitische Maßnahmen zur Fachkräftesicherung politisch flankiert werden können. Forschende und Studierende in Pflegewissenschaft, Gesundheitsökonomie und Sozialpolitik finden eine aktuelle, empirisch unterlegte Analyse, die Forschungslücken schließt und Perspektiven für weitere Forschung bietet.

Dadurch trägt das Buch zur Gestaltung einer nachhaltigen Fachkräftestrategie im Pflegebereich bei, indem es zeigt, dass Tarifautonomie eine tragfähige Lösung für einen strukturellen Wandel in der Pflege sein kann.

Das Thema ist weit gefasst, da es nicht nur die tarifpolitische Gestaltung in der Pflege betrachtet, sondern auch deren Wechselwirkungen mit politischen, rechtlichen und betrieblichen Rahmenbedingungen einbezieht. Innerhalb dieses breiten Rahmens bleibt der Fokus jedoch klar auf die Attraktivierung der Pflegeberufe durch Tarifautonomie gerichtet, was die Lesbarkeit und fachliche Stringenz sichert. Der Ansatz ermöglicht, den komplexen Ursachen des Fachkräftemangels gerecht zu werden und zeigt, dass eine isolierte Betrachtung einzelner Aspekte nicht zielführend ist.

Das Ziel der Publikation, Bedingungen und Potenziale dynamischer Arbeitsbeziehungen für attraktivere Pflegeberufe in Zeiten des Fachkräftemangels zu analysieren, wurde vollumfänglich erreicht. Die Autor:innen arbeiten theoretisch fundiert heraus, welche Rolle Tarifautonomie bei der Fachkräftesicherung spielen kann, und belegen dies mit einer detaillierten empirischen Analyse aktueller tarifpolitischer Entwicklungen und Initiativen im deutschen Pflegebereich. Im Abgleich mit dem Buchrücken und der Einleitung wird deutlich, dass das Werk nicht nur Wissen bereitstellt, sondern konkrete Handlungsperspektiven für alle beteiligten Akteure eröffnet.

Das Buch ist klar strukturiert und trotz seiner Tiefe und Komplexität gut lesbar. Jedes Kapitel schließt mit einer kompakten Zusammenfassung, die den Transfer in die Praxis erleichtert. Tabellen und Abbildungen werden gezielt eingesetzt, um komplexe Zusammenhänge anschaulich aufzubereiten, und unterstützen die Leser:innen dabei, die wesentlichen Punkte rasch zu erfassen. Zudem trägt die klare Sprache dazu bei, dass auch Nicht-Jurist:innen und Personen ohne tiefgehende tarifrechtliche Vorkenntnisse dem Inhalt folgen können.

Das Buch behandelt ein hochaktuelles Thema, da die Pflegebranche weiterhin unter einem strukturellen Fachkräftemangel leidet, während politische Debatten um Tarifbindung, Mindeststandards und die Einführung allgemeinverbindlicher Tarifverträge in der Pflege intensiv geführt werden. Angesichts aktueller Reformdiskussionen zur Personalbemessung, der Fachkräfteeinwanderung und der Akademisierung in der Pflege liefert das Werk wichtige Impulse, die direkt in laufende politische und tarifliche Aushandlungsprozesse integriert werden können.

Während andere Werke meist organisatorische oder gesundheitsökonomische Fragestellungen in den Vordergrund stellen, nehmen Schroeder und Inkinen einen deutlich stärkeren tarifpolitischen Fokus ein. Auch im Vergleich zu anderen Werken von Schroeder selbst, wird hier der Fokus spezifisch auf die Pflegebranche gelegt und die Verbindung von Tarifpolitik und Fachkräftesicherung detaillierter herausgearbeitet.

„Attraktive Pflegeberufe durch Tarifautonomie“ ist ein fundiertes und praxisrelevantes Werk, das einen wichtigen Beitrag zur Diskussion um die Fachkräftesicherung in der Pflege leistet. Es bietet durch die Verknüpfung von empirischer Forschung und politischer Analyse wertvolle Impulse, um den Pflegeberuf attraktiver zu gestalten und die Bedingungen für dynamische Arbeitsbeziehungen im Pflegesektor nachhaltig zu verbessern.

Eine Rezension von Denise Vey
M.A. Pflegewissenschaften 

Zeige mir Aktuelles aus der Kategorie...


Sie möchten Dr. med. Mabuse Probe lesen?

Seit über 40 Jahren ist Dr. med. Mabuse die Zeitschrift für alle Gesundheitsberufe: kritisch – unabhängig – berufsübergreifend – sozial.

Jetzt kostenlos testen