
Susanne Hartung & Petra Wihofszky (Hrsg.)
Gesundheit und Nachhaltigkeit
Springer, Berlin, Heidelberg, 2024, 524 Seiten, 189,99 €, ISBN 978-3662682777
Susanne Hartung (Professorin für Prävention und Gesundheitsförderung in Lebenswelten im Fachbereich Gesundheit Pflege Management in der Hochschule Neubrandenburg) und Petra Wihofszky (Professorin für Gesundheitswissenschaften mit Schwerpunkt Pflege an der Fakultät Soziale Arbeit, Bildung und Pflege der Hochschule Esslingen) haben DAS Nachschlage- und Grundlagenwerk herausgegeben, das wir im Gesundheits- und Sozialbereich brauchen. Es unterstützt uns darin, mit hoher gesundheitswissenschaftlicher Kompetenz unseren Beitrag dazu zu leisten, dass auch im Gesundheitsbereich die planetaren Grenzen eingehalten und der soziale Zusammenhalt gefördert wird. 113 renommierte Autorinnen und Autoren aus den angesprochenen Fachbereichen haben in aktuell 45 Artikeln (fast) alles beleuchtet, was es von den Grundlagen über spezifische theoretische und praktische Themenschwerpunkte bis hin zu konkreten Handlungsbeispielen im Kontext von Gesundheit und Nachhaltigkeit zu wissen gibt.
Das Buch gliedert sich in vier Teile:
I Grundlagen und Perspektiven
Alle Artikel des Buches beziehen sich auf eine gemeinsame Definition von Nachhaltigkeit, die die ökologische, soziale und ökonomische Perspektive umfasst und auf den 17 Nachhaltigkeitszielen der UN fußt. Beispielsweise wird die Donut-Ökonomie als ökonomisches Alternativmodell diskutiert.
Besonders hilfreich sind die epidemiologischen Messzahlen zur Beurteilung von Gesundheit und Nachhaltigkeit wie z.B. der Human Development Index (HDI). Wichtig ist auch die Umsetzung von Partizipation am Beispiel der Partizipativen Forschung im Rahmen der Agenda 21.
Eine wichtige Quelle zur Orientierung, inwieweit Nachhaltigkeit im Gesundheitswesen bereits umgesetzt wird, ist die jährliche Berichterstattung im Rahmen des Lancet Countdown.
Grundlegend wird auch die Technik im Gesundheitswesen und Nachhaltigkeit beleuchtet.
II Gesundheitsförderung und Prävention
Immer wieder werden die Determinanten Ernährung und Bewegung aufgegriffen, allerdings in einem gesamtpolitischen Kontext wie z.B. der Entwicklung einer planetaren Agrar- und Ernährungsstrategie.
Wichtig sind auch Nachhaltigkeitskonzepte für Resilienz und Gesundheitskompetenz und die Definition einer neuen Fachbegrifflichkeit: die Klimagesundheitsförderung.
Ebenso werden die Settings Kita, Schule, Hochschule, Betrieb (Arbeit) sowie Kommune aufgegriffen und Gesundheitsförderungsstrategien auch vor dem Hintergrund internationaler Programme wie z.B. dem UNESCO-Weltaktionsprogramm „Bildung und Nachhaltige Entwicklung“ (BNE) dargestellt.
Die gesundheitliche Chancengleichheit wird z.B. anhand des Good-Practice-Kriteriums „Nachhaltigkeit“ aber auch mit Blick auf digitale Spaltung betrachtet.
III Krankenversorgung, Pflege, Rehabilitation
Dieser Bereich wird vor dem Hintergrund nationaler und internationaler Entwicklungen und Papiere wie z.B. den THG-Reduction DIN-Iso-Normen behandelt. Ein „Klima-Cockpit“ wird vorgestellt, um Krankenhäuser nachhaltig zu managen.
Über Nachhaltigkeitsstrategien für Intensivmedizin und Anästhesiologie bis zu Hitzeschutzplänen für Pflegeeinrichtungen wird eigentlich kaum ein Versorgungsbereich ausgelassen bis hin zu Physiotherapie, Diätetik und Rehabilitation.
IV Gesundheitsbezogene Ausbildungen und Studiengänge
Auch dieser Teil ist umfassend. Bildungsgänge in Pflege und Medizin werden vor dem Hintergrund nationaler und internationaler Empfehlungen wie z.B. der Canmore-Empfehlung 2018 als Erweiterung der Ottawa-Charta Grundsatzdeklaration, aber auch kritisch mit Blick auf noch wenig verbindliche Nachhaltigkeitsinhalte in deutschen Medizinstudiengängen und auch im Pflegeberufsgesetz diskutiert.
Als wohltuende Hinweise sind daher die Angaben zu Modellversuchen und digital zugänglichen Lernangeboten einzelner Bildungseinrichtungen wie z.B. der Kurs Planetare Gesundheit im Modul „Umwelt und Gesundheit“ des MSc Public Health an der Hochschule Fulda zu werten.
Beeindruckend ist, wie konsequent die Herausgeberinnen trotz der Vielfalt der Themen Wert auf eine einheitliche Definition und das Verständnis von Nachhaltigkeit gelegt haben. Hierdurch haben sie ein tragfähiges Fundament für die Arbeit mit Gesundheit und Nachhaltigkeit in allen Bereichen geschaffen.
Inhaltlich erstaunt, wie selten der Settingansatz der Gesundheitsförderung und die daraus resultierende erforderliche Organisationsentwicklung eingebunden wurden. Selbst wenn der Settingansatz erwähnt wurde, verbargen sich im Text dahinter oft Informationsvermittlung und Verhaltensprävention. Von diesen wissen wir, dass sie zwar weniger komplex und herausfordernd sind, aber insbesondere sozial benachteiligte Gruppen schlechter erreichen. Damit vergrößern sie die sozial bedingte gesundheitliche Ungleichheit. Hier wäre eine konsequentere Reflexion sozialer Ungleichheit und gesundheitlicher Chancengerechtigkeit wünschenswert gewesen.
Es bleibt zu hoffen, dass Forschung und Umsetzung sich in der Realität intensiver mit komplexen Interventionen und ihrer Evaluation befassen; dann gäbe es bestimmt auch weitere interessante Beiträge für eine willkommene nächste Auflage dieses Springer Reference Werks.
Eine Rezension von Dr. med. Frank Lehmann, MPH
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