Der Sachverständigenrat Gesundheit & Pflege (SVR) hat Bundesgesundheitsminister Lauterbach Ende April sein Gutachten mit dem Titel "Fachkräfte im Gesundheitswesen: Nachhaltiger Einsatz einer knappen Ressource" übergeben. In einer Bundespressekonferenz wurde dieses Gutachten der Öffentlichkeit vorgestellt.
Professor Michael Hallek, der Vorsitzende des SVR und Onkologe an der Universität zu Köln, erklärt: „Im internationalen Vergleich stehen, bezogen auf die Einwohnerzahl, im deutschen Gesundheitswesen relativ viele Beschäftigte zur Verfügung. Dennoch sind eindeutig Versorgungsengpässe festzustellen. Dies weist auf strukturelle Defizite im deutschen Gesundheitssystem hin. Vor diesem Hintergrund empfehlen wir ein Maßnahmenbündel, damit künftig die wertvolle Ressource der Fachkräfte gezielter im Sinne des Patientenwohls eingesetzt werden kann. Es wird nicht ausreichen, die Anzahl der Beschäftigten weiter zu erhöhen. Dies ist aufgrund der demografischen Entwicklung, des zunehmenden Wettbewerbs um Fachkräfte und der damit verbundenen Kosten nur begrenzt realisierbar. Zugleich würde der Erhalt ineffizienter Strukturen in der Versorgung begünstigt. So leistet sich Deutschland zu viele Krankenhäuser. Die können oft nicht die Qualität liefern wie spezialisierte Einrichtungen. Zugleich schluckt der Rund-um-die-Uhr-Betrieb dieser Häuser viel Personal, das an anderen Stellen sinnvoller eingesetzt wäre. Zudem sinken Zeit und Motivation der Fachkräfte, weil im deutschen Gesundheitswesen die Möglichkeiten der Digitalisierung nicht professionell genutzt werden – weder zur Entlastung bei der Dokumentation noch für bessere Versorgung und Forschung.“
Die stellv. SVR-Vorsitzende, Prof. Melanie Messer, Pflegewissenschaftlerin an der Universität Trier, betont: „Insbesondere bei Pflegefachpersonen sollten vorhandene Kompetenzen besser genutzt und Aufgaben- und Verantwortungsprofile modernisiert werden. Bei entsprechender Qualifikation sollten sie eigenverantwortlich heilkundlich tätig werden dürfen. Die Arbeitsbedingungen müssen so verbessert werden, dass Pflegefachpersonen motiviert, gesund und langfristig in ihrem Beruf tätig sind. Dazu gehören innovative Personaleinsatzmodelle, durchlässige Qualifikationswege und attraktive Karrieremöglichkeiten. Das könnte die ambulante wie stationäre Versorgung verbessern und Fachkräfteengpässe abbauen. Zentral ist auch eine innovative Weiterentwicklung der Organisation und des Leistungsspektrums der Langzeitpflege. Es sollte die Möglichkeit geschaffen werden ambulante Pflegeangebote in Pflegekompetenzzentren zu bündeln, um die vorhandenen Ressourcen besser nutzen zu können.“
Der stellv. SVR-Vorsitzende, Prof. Jonas Schreyögg, Gesundheitsökonom an der Universität Hamburg, stellt fest: „Deutschland kommt an Strukturreformen im Gesundheitswesen nicht vorbei. Die Versorgungslandschaft, wie sie sich in den letzten Jahrzehnten entwickelt hat, bindet zu viel Personal und bringt für das, was wir investieren, nicht die Qualität, die wir uns für den Krankheitsfall wünschen. Wir bewältigen die Fachkräftesituation nicht mit einzelnen Maßnahmen, sondern nur mit einem Maßnahmenbündel. Hierzu gehört vor allem eine Reform der Notfallversorgung insbesondere durch die Schaffung Integrierter Leitstellen und Integrierter Notfallzentren, wie sie der Rat bereits in seinem Gutachten 2018 skizziert hat, eine wirksame Krankenhausreform, die Fachkräfte und Kompetenzen in funktionstüchtigen Zentren zusammenfasst, ebenso wie eine Weiterentwicklung der Vergütung, um u.a. mehr ambulante Angebote für Operationen zu ermöglichen.”
Stefanie Joos, Ratsmitglied und Professorin für Allgemeinmedizin an der Universität Tübingen, unterstreicht: “Unser Maßnahmenbündel umfasst auch eine gezieltere Primärversorgung. So soll die Steuerfunktion des Hausarztes gestärkt werden. Auch sollen überall, wo es sinnvoll und machbar ist, größere interprofessionelle Zentren geschaffen werden, in denen die Patienten Versorgung ‚aus einer Hand‘ erhalten und vorhandene Personalressourcen effizienter eingesetzt werden. Zugleich sollte durch allgemeine und zielgruppenspezifische Maßnahmen der Primärprävention die Gesundheitskompetenz der Menschen gestärkt werden, um lebensstilbedingte Risikofaktoren für die Entstehung chronischer Erkrankungen und so die Krankheitslast zu senken und damit verbundene Versorgungsbedarfe zu reduzieren. Dabei gilt es, die Menschen nicht nur zu einem gesunden Lebensstil zu ermutigen, sondern auch die Lebens- und Arbeitsbedingungen im Sinne der Verhältnisprävention stärker als bisher gesundheitsförderlich auszurichten.”
Das Gutachten ist auf der SVR-Webseite – www.svr-gesundheit.de – abrufbar.
Zur Pressemitteilung: https://www.svr-gesundheit.de/fileadmin/Gutachten/Gutachten_2024/PM_Fachkraeftegutachten_und_Executive_Summary_2024.pdf
Foto: v.l.n.r.: Prof. Jochen Schmitt, Prof. Leonie Sundmacher, Prof. Melanie Messer, BM Prof. Karl Lauterbach, Prof. Michael Hallek, Prof. Jonas Schreyögg, Prof. Nils Gutacker, Prof. Stefanie Joos (c) BMG / Rolf Schulten
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