demenz soziales umfeld forschungBundesweit leben derzeit rund 1,8 Millionen Menschen mit Demenz, allen Prognosen zufolge werden die Zahlen deutlich steigen. In einem gemeinsamen Projekt mit der Hochschule Fulda und der Uni Gießen hat Sozialwissenschaftlerin Jutta Träger von der Hochschule Darmstadt (h_da) Vorschläge erarbeitet, wie Demenzpatienten möglichst lange im gewohnten Umfeld bleiben und ihre Familien entlastet werden könnten. Gefördert wurde das Vorhaben vom Hessischen Sozialministerium und der Diakonie.

Wenn Jutta Träger mit hochbetagten Familienmitgliedern über Ernährungstipps oder Politik diskutiert, steht sie vor einem Rätsel, das ganz direkt ihre Forschung betrifft: Wieso bleiben die einen bis ins höchste Alter geistig fit, während andere, wie jüngst Action-Star Bruce Willis, schon mit Ende 60 schwer an Demenz erkranken? „Eine Demenz kann viele verschiedene Ursachen haben“, sagt die Wissenschaftlerin. „Eines aber wissen wir sehr genau: Die große Mehrzahl der Patientinnen und Patienten wünscht sich, möglichst lange im gewohnten Umfeld zu bleiben – in der eigenen Wohnung, dem vertrauten Dorf oder Stadtteil, bei der Familie.“ 

Jutta Träger, Professorin für Sozialforschung und Evaluation am Fachbereich Gesellschaftswissenschaften der h_da, arbeitet daran, dies zu ermöglichen. Als Sozialwissenschaftlerin betrachtet sie Demenz nicht als medizinisches, sondern als soziales Phänomen. In ihrem Forschungsprojekt „Demenz im Quartier“ nahm sie deshalb gemeinsam mit Projektteams der Hochschule Fulda und der Uni Gießen die soziale Situation von Menschen mit Demenz unter die Lupe: auf dem Land, in der Kleinstadt und in der Großstadt. Die Beispielgemeinden waren die hessischen Kommunen Nüsttal und Eiterfeld, die Kleinstadt Lollar und Darmstadt. Das Fazit: Vieles läuft gut, viel muss noch getan werden. 

„Der Unterschied zwischen Stadt und Land ist groß“, berichtet Träger. „Auf dem Land gibt es weniger Hilfsangebote. Außerdem sehen wir hier noch stärker die Tendenz, eine Demenz-Diagnose zu verstecken. Hilfe wird oft erst angefordert, wenn die Lage daheim eskaliert.“ Offenkundig muss die „alternde Gesellschaft“ einen guten Umgang mit dem Altern erst noch finden. Vielversprechende Ansätze hierfür sieht die Wissenschaftlerin in Darmstadt: Seit vielen Jahren organisiert dort das Demenz-Forum Hilfsangebote für Patienten und Angehörige. „Darmstadt hat hier eine Vorreiter-Rolle“, lobt Träger. 

Woran es dennoch mangelt, hat die Wissenschaftlerin anhand von Stadtteilbegehungen und Interviews ermittelt. „Der richtige Hilfe-Mix ist entscheidend“, sagt die Professorin. „Dazu gehören neben Ärztinnen, Ärzten und Pflegekräften auch freiwillige Helfer.“ Sie sind es, die – ergänzend zur medizinischen Versorgung – Teilhabe am ganz normalen Leben „da draußen“ ermöglichen: durch gemeinsame Spaziergänge, einen Lese- oder Spielenachmittag, Café- oder Museumsbesuche, die Begleitung zu Terminen oder gemeinsame Einkäufe. 

„Bei der Betreuung geraten Ehrenamtliche aber schnell in Situationen, die sie überfordern“, berichtet Träger. „Wie gehe ich damit um, wenn ein alter Mensch, mit dem ich unterwegs bin, plötzlich die Orientierung verliert und aggressiv wird?“ Gerade jüngere, noch unerfahrene Helferinnen müssten darauf besser vorbereitet, geschult und begleitet werden. Die überwiegende Mehrzahl wünscht sich Trägers Befragungen zufolge Fortbildungsangebote und Reflexionsräume, um sich austauschen und sich gegenseitig motivieren zu können. Wichtig sei darüber hinaus mehr Anerkennung: „Selbst wenn es nur eine Urkunde ist, die Einladung zu einem Abendessen oder einem Empfang mit dem Bürgermeister.“ 

Ein weiteres Problem: Die Information über Hilfsangebote kommt in den betroffenen Familien oft gar nicht an. Jutta Träger schlägt deshalb vor, dezentrale Anlaufstellen in den einzelnen Stadtquartieren einzurichten, mit Ansprechpartnern vor Ort, zu denen Schritt für Schritt Vertrauen aufgebaut werden kann. Die Ergebnisse des Forschungsprojekts haben Jutta Träger und ihre Projektpartner in einem Handbuch zusammengefasst. „Das Thema Demenz ist durch Corona, Ukrainekrieg und Klimakrise ins Hintertreffen geraten“, stellt die Wissenschaftlerin fest. Auch das möchte sie mit ihrer Arbeit ändern. 

Im h_da-Wissenschaftsmagazin impact finden Sie einen ausführlichen Artikel zum Thema: https://impact.h-da.de/demenz-im-quartier


Wissenschaftliche Ansprechpartner:

Hochschule Darmstadt
Fachbereich Gesellschaftswissenschaften
Prof. Dr. Jutta Träger
Haardtring 100 
64295 Darmstadt
Tel +49 6151 – 533.68718
Mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein.


Originalpublikation:

http://www.transcript-verlag.de/media/pdf/e6/f3/ca/oa9783839457955.pdf


Foto: AdobeStock, sebra

 

 

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nurse take comfort elderly woman lying in the hospital room bed, by stroking her and holding the arm where the drip needle is, concept of loneliness and old age diseasesDas Projekt "Vorbehaltsaufgaben der Pflege im Krankenhaus" (VAPiK), gefördert vom Katholischen Krankenhausverband Deutschlands (KKVD), startet bundesweit mit acht Krankenhäusern, um Erkenntnisse im Hinblick auf die pflegerische Qualität, die Zusammenarbeit im Krankenhaus und einen zukünftigen Handlungsrahmen für den Umgang mit den Vorbehaltsaufgaben zu gewinnen.

Mit dem Pflegeberufegesetz (PflBG) sind seit 2020 bestimmte Aufgaben des pflegerischen Versorgungsprozesses dem Pflegefachpersonal vorbehalten. D.h., diese Aufgaben dürfen nur noch von Personen ausgeübt werden, die über eine abgeschlossene Qualifikation als Pflegefachperson verfügen. In der Praxis wirft diese Regelung allerdings noch viele Fragen auf. Daher startet das Deutsche Institut für angewandte Pflegeforschung e.V. (DIP) nun mit dem Projekt „Vorbehaltsaufgaben der Pflege im Krankenhaus“ (VAPiK). Gefördert wird das Projekt vom Katholischen Krankenhausverband Deutschlands (KKVD), der sich Erkenntnisse im Hinblick auf die pflegerische Qualität, die Zusammenarbeit im Krankenhaus und einen zukünftigen Handlungsrahmen für den Umgang mit den Vorbehaltsaufgaben verspricht. An VAPiK, das bundesweit umgesetzt wird, sind Mitarbeitende aus acht Krankhäusern in katholischer Trägerschaft beteiligt.

Das PflBG regelt im § 4 u.a. die Erhebung und Feststellung des individuellen Pflegebedarfs, die Organisation, Gestaltung und Steuerung des Pflegeprozesses sowie die Analyse, Evaluation und Entwicklung der Pflegequalität erstmals als pflegerische Vorbehaltsaufgaben. Allerdings gelten die Vorbehaltsaufgaben nur in beruflichen Kontexten, d.h. pflegende Angehörige können weiterhin die pflegerische Unterstützung für ihre pflegebedürftigen Angehörigen planen und organisieren.

Dem Gesetzgeber geht es bei den Vorbehaltsaufgaben in erster Linie um diejenige pflegerische Verantwortung, die für die Pflegequalität und den Patientenschutz von besonderer Bedeutung ist. Zugleich soll mit der gesetzlichen Regelung eine merkliche Aufwertung der Pflegeberufe erreicht werden, da eine prozessbezogene Fachpflege in den verschiedenen Praxisfeldern nur noch durch entsprechend ausgebildetes Personal mit den erforderlichen Kompetenzen wahrgenommen werden darf.

Was bedeutet dies nun für die aktuelle Versorgung von Patientinnen und Patienten im Krankenhaus? Welche Konsequenzen haben die Vorbehaltsaufgaben für die Zusammenarbeit im Krankenhaus und für die Kooperation mit weiteren Einrichtungen etwa bei Entlassungen aus dem Krankenhaus? Welche Erfahrungen liegen in den Klinken bereits vor? Im Rahmen des Projektes VAPiK sollen diese Fragen bis zum Ende des Jahres beantwortet und ein Handlungsrahmen entwickelt werden, der zu mehr Klarheit und Rechtssicherheit in den Krankenhäusern beitragen soll. Begleitend zum Projekt ist nun auch die Website www.vorbehaltsaufgaben-pflege.de online gegangen. Hier werden nach und nach auch Informationen zu VAPiK und weiteren Themenfeldern rund um die pflegerischen Vorbehaltsaufgaben bereitgestellt.

https://www.vorbehaltsaufgaben-pflege.de/


Zur Pressemitteilung: https://www.dip.de/fileadmin/data/pdf/Pressemitteilungen_Institut/PM_DIP_Start-Projekt_VAPiK.pdf

Foto: AdobeStock, amedeoemaja

 

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csm 26 B P Robotik 1 a0a1714afaWaren Roboter früher hauptsächlich in der Industrie tätig, rücken sie inzwischen bis in die häusliche Umgebung vor. So mähen sie beispielsweise Rasen oder saugen Fußböden. Aber sind Roboter auch in der Pflege einsetzbar? Könnten sie Aufgaben auf einer Station übernehmen? Und wenn ja, welche? Diese Fragen werden angesichts des Mangels an Pflegefachpersonen immer drängender. Daher beschäftigt sich auch das Pflegepraxiszentrum (PPZ) Hannover, bei dem die MHH Partner ist, mit Robotik und deren Möglichkeiten. In Kooperation mit der Stiftung Robokind veranstaltete das PPZ drei Workshops zu dem Thema. Viel Aufmerksamkeit bekam dabei eine Apparatur namens Lio: Der mobile Assistenzroboter wird derzeit im PPZ getestet.

Mit Künstlicher Intelligenz lernt Lio stetig dazu

Lio ist etwa 1,20 Meter groß und besteht aus einem fahrbaren Unterbau und einem funktionalen Greifarm. Er hat einen vogelähnlichen Kopf mit Kulleraugen, einen Greifschnabel und eine freundliche Stimme. „Hallo Jörn, wie geht es dir?“, fragt Lio, nachdem er sensorgesteuert durch den Raum gefahren ist und vor Dr. Jörn Krückeberg vom PPZ-Projektteam stehen bleibt. „Gut“, antwortet Dr. Krückeberg und bittet Lio, einen Witz zu erzählen. Er könnte ihn auch auffordern, Musik abzuspielen, Bewegungsübungen vorzumachen oder eine Tür zu öffnen. Lio hat ein wenig Entertainment und einige praktische Fähigkeiten parat. Sein Potenzial ist weitaus größer. Mit Hilfe von Künstlicher Intelligenz (KI) lernen Roboter wie Lio stetig dazu. Sie sammeln Daten, erkennen Verhaltensmuster, interpretieren diese und passen so ihr eigenes Verhalten an. „In Deutschland sind Roboter in Kliniken noch eine absolute Seltenheit. Doch die Entwicklung schreitet schnell voran“, sagt Dr. Krückeberg. KI sei in der Pflege ein wichtiges Zukunftsthema.

Im PPZ und auf der chirurgischen Partnerstation 17 ist Roboter-Technik nicht neu. Dort wurden schon die Robbe Paro und die JustoCat getestet. Die Kuscheltiere gehören zur sogenannten emotionalen Robotik. Sie reagieren auf Berührung und dienen vor allem zur Beruhigung ängstlicher und unruhiger Patientinnen und Patienten. Doch bei Robotern wie Lio handelt es sich um eine andere Größenordnung. Die Fachwelt diskutiert nicht nur über die technischen Möglichkeiten solcher Geräte, sondern beispielsweise auch über die ethischen Grenzen ihres Einsatzes auf Stationen.

Ersatz für Pflegekräfte?

Die Befürchtung, dass Roboter Pflegekräfte ersetzen könnten, wird ebenfalls geäußert. Und nicht zuletzt wird die Problematik des Datenschutzes angesprochen. Das Interesse an dem Thema ist bei den Teilnehmenden unterschiedlicher Berufsfelder groß, die Workshops waren schnell ausgebucht. Daher sind weitere Workshops geplant. „Unser Ziel ist es, in der MHH eine Diskussion über Robotik im Pflegealltag anzustoßen“, erklärt Dr. Krückeberg. „Einerseits wollen wir den Pflegefachpersonen zeigen, welche technischen Möglichkeiten Assistenzroboter haben, andererseits interessiert uns, wie sie zum Thema Robotik stehen.“

Bei den Veranstaltungen wurde deutlich, dass die Pflegekräfte Roboter wie Lio ausschließlich in unterstützender Funktion sehen. Sie möchten im Berufsalltag entlastet werden – nicht bei ihren pflegerischen Tätigkeiten am Patientenbett, sondern bei logistischen Aufgaben. Beispiele sind der Transport von Getränkekisten, das Befüllen von Medikamentenschränken, die Verteilung von Mahlzeiten und die Rücknahme von Tabletts. Im PPZ, genauer im Peter L. Reichertz Institut für Medizinische Informatik, versuchen die Fachleute nun, Lio diese Fähigkeiten anzutrainieren. Eventuell werden im PPZ auch noch andere Assistenzroboter getestet.

Ob und wann Lio oder ein anderes Robotermodell jemals den Weg auf eine MHH-Station schafft, steht in den Sternen. „Wir bleiben offen und sind an den aktuellen Entwicklungen dran“, sagt Dr. Regina Schmeer. Eines steht für die Leiterin des PPZ aber fest: „Assistenzroboter wie Lio sind zur Unterstützung der Pflegefachpersonen bei logistischen Aufgaben gedacht“, sagt Dr. Schmeer. „Sie sind nicht annähernd in der Lage, pflegerische Tätigkeiten auszuüben oder zwischenmenschliche Beziehungen aufzubauen“.

Text: Tina Götting


Zur Pressemitteilung: https://www.mhh.de/presse-news/im-test-assistenzroboter-lio-fuer-die-pflege

Foto: Könnte der Roboter sie irgendwann unterstützen? Pflegefachpersonen lernen Lio kennen. Copyright: Karin Kaiser/MHH