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Irvin D. Yalom , Benjamin Yalom

Die Stunde des Herzens

btb, München 2025, 352 Seiten, 25,00 €, ISBN 978-3-442-76283-5

Ein sehr alter Psychotherapeut bemerkt nach 60 Jahren praktischer und theoretischer Arbeit, dass sein Gedächtnis schwächer wird, ja zu schwinden droht. Yalom wäre nicht Yalom, hätte er nicht versucht, auch dies konstruktiv anzugehen. Beschränkt er sein Therapiesetting zunächst noch auf ein Jahr, spitzt er es nun auf eine einmalige, einstündige Begegnung zu – und das noch online, den Bedingungen der Pandemie gehorchend. 

Schon mit 70 Jahren hatte Yalom das Bedürfnis, seine wichtigsten Erkenntnisse zur praktischen Anwendung der Psychotherapie der Welt weiterzugeben. So entstand „Der Panama-Hut“ oder „Was einen guten Therapeuten ausmacht“. Da war schon seine „Theorie und Praxis der Gruppenpsychotherapie“ ein Standardwerk, in dem ich immer noch gerne nachschaue, wenn ich mich frage: Wie hätte ich es anders, möglicherweise besser anstellen können und „Was hätte Yalom vielleicht dazu gesagt?“. 

Die Stunde des Herzens leitet er ein mit:

„Was in meinen nun mittlerweile sechs Jahrzehnten als Psychotherapeut eine Konstante war, ist die Sehnsucht nach menschlicher Verbindung als einer der wesentlichen Beweggründe der bei mir Hilfesuchenden. (…) Wer mit meiner Arbeit der Existentiellen Psychotherapie vertraut ist, dem kommt die Betonung der interpersonalen Verbindung möglicherweise widersprüchlich vor. Die existentielle Psychotherapie konzentriert sich auf die inneren Konflikte des Patienten, die sich aus der Konfrontation mit den Gegebenheiten der menschlichen Existenz ergeben: Tod, Isolation, Sinn des Lebens und Freiheit. Bei der interpersonalen Therapie hingegen gehe ich davon aus, dass die Patienten Schwierigkeiten haben, enge Beziehungen zu anderen aufzubauen, zu pflegen und aufrechtzuerhalten. Mittlerweile habe ich das Gefühl, dass diese beiden Interessen vielleicht doch gar nicht so unterschiedlich sind. Eine der großen Triebfedern von Existenzangst ist unsere grundlegende Ausgangssituation, allein im Universum zu sein, so dass wir Erfahrungen nie vollständig mit anderen teilen können. Diese ultimative Isolation kann furchterregend sein. Für viele von uns, ob religiös oder nicht, ist die tiefe Verbindung zu anderen Menschen das beste Heilmittel gegen Isolation und die damit einher gehenden Ängste.“

Unterstützt von seinem Sohn Benjamin erzählt Yalom dann von 20 seiner letzten, einmaligen intensiven, Sitzungen. Es ist ein Lobgesang auf die therapeutische Kraft des »Hier und Jetzt«, wenn die Begegnung ebenso authentisch wie wahrhaftig sein kann, auch in der gegenseitigen Betroffenheit und Verletzlichkeit. Dabei geht Yalom an die Grenzen der Selbstoffenbarung – auch als bewusstes therapeutisches Mittel. Zur Sprache kommen dabei (wieder) seine eigenen Dämonen, darunter seine traumatisch erlebte Kindheit in Washington, D.C., die Entwicklung seines Denkens über Philosophie und Psychotherapie und der kürzliche Tod seiner Frau. Dass er dabei, nicht nur technisch, auch eine Rollenumkehrung zulassen kann und sich dabei – alt und authentisch – selbst einbringt, macht es noch einmal besonders. 

Nun ist Yaloms Vorgehen sicherlich nicht kopierbar oder gar allgemein empfehlenswert, so kostengünstig sich dies anhört. Das kann sicherlich nur jemand machen, der über eine große Erfahrung verfügt und um die Grenzen und Risiken seiner Interventionen weiß. Auch stimmt das mit der einen  Stunde nicht so ganz: Es gibt immer eine – auch noch so kurze – Vorgeschichte, eine ausführliche Reflexion, meist auch für die Anrufenden, oft eine Weitervermittlung an Kolleg/innen und dann „ausnahmsweise“ doch noch mal ein zweites Mal. Dazwischen wird immer wieder ausführlich eingestreut, was Yalom therapeutisch bewegt und was man als sich zunehmend „out of mainstream“ fühlender psychodynamisch denkender Leser gerne mal wieder liest, auch wenn das schon in seinen anderen Büchern stand. So wettert er zurecht gegen die Reduktion der Psychotherapie auf Manuale oder gar (ausschließlich) Psychopharmaka. 

Wenn Yalom dabei auch seine eigenen Gefühle reflektiert, seine Übertragung und Gegenübertragung darlegt, quasi mit sich selbst oder dem geneigten Leser und der geneigten Leserin diskutiert, was ihn zu welcher Intervention bewogen hat, fühlt man sich gerne einbezogen. Dabei kann man schon mal das Gefühl bekommen, wenn man schon mal mehr als ein Buch von ihm gelesen hat: Ja, das kenne ich schon. Aber „Die Stunde des Herzens“ entwickelt sich auch in eine Richtung, die nicht mehr so ganz junge Therapeut/innen mitnimmt, oder gar vorbereitet auf das, was im Alter noch an Herausforderungen kommen kann. Dabei führt die letzte Geschichte dazu, dass auch Yalom erkennt, dass es Zeit ist, aufzuhören, auch um den eigenen Seelenfrieden nicht weiter zu stören.

So kann man das Buch sehr unterschiedlich lesen. Zum einen berichtet ein begnadeter Psychotherapeut über seine Erfahrungen mit in jeder Hinsicht einmaligen Einzelstunden. Man kann dieses Buch aber auch lesen als eine persönliche Tragik eines außergewöhnlichen Menschen, dessen tägliche Online-Stunden nicht nur für die Klient/innen Bedeutung hatten, sondern auch für den Therapeuten in seinem Kampf gegen die Bedeutungslosigkeit und die Einsamkeit. Spürbar wird ein zunehmendes Verzweifeln ob der eigenen Fehlleistungen, auch wenn Yalom diese zum Teil wieder großartig therapeutisch nutzbar machen kann.

Dieses Buch wäre sicherlich nicht machbar gewesen, ohne die Hilfe seines jüngsten Sohns Benjamin, der es ausgehalten hat, erst Therapeut zu werden, als sein Vater sich verabschiedet. Fast muss man am Ende schon wieder lachen, wenn man erfährt, dass der Vater nun „an seinem wirklich letzten Buch“ arbeite, so wie er es die letzten 60 Jahre schon öfter erzählt hat. 

Eine Rezension von Dr. med. Helmut Schaaf,
Leitender Oberarzt, Psychotherapie, Tinnitus Klinik Dr. Hesse

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