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Diana Staudacher

Wounded Humanity – Verletzliches Menschsein
Eine Anthropologie der helfenden Berufe

hogrefe Verlag, Bern, 1. Auflage 2026, 240 Seiten, 35 Euro, ISBN 9783456861371

Mit Wounded Humanity legt Diana Staudacher eine tiefgehende anthropologische Betrachtung des Menschseins vor, die insbesondere für Personen in helfenden Berufen eine inhaltlich sowohl dichte und zugleich berührende Lektüre darstellt. Das Buch ist klar in vier Teile gegliedert, deren Aufbau nicht nur konzeptionell überzeugt, sondern zugleich eine didaktische Stringenz erkennen lässt, die zur Selbstreflexion der Leser:innen anregt.

Im ersten Teil fokussiert Staudacher die theoretischen Grundlagen der Wounded Humanity, also einer Anthropologie der menschlichen Verletzlichkeit. Sie zeigt, dass Verwundbarkeit kein Defizit, sondern eine existenzielle Konstante des Menschseins ist – eine Grundlage für Resonanz, Beziehung und Empathie. Dieser theoretische Rahmen bildet das Fundament für alle weiteren Überlegungen.​

Der zweite Teil gliedert sich in vierzehn Facetten des Verletzlichseins, die jeweils unterschiedliche Dimensionen menschlicher Betroffenheit beleuchten. Besonders eindrücklich sind hier die Kapitel zu Räumen des Verletzlichseins, verletzlichem Körpersein, Bewegung als Umgang mit Verletzlichkeit, kognitiver Verletzlichkeit sowie Einsamkeit und Trauer als sozialem Schmerz. Gerade Letzteres hat mich als Rezensentin tief berührt – die Betrachtung von Einsamkeit als sozialen Schmerz eröffnet neue Perspektiven auf die Bedeutung von Beziehung und Resonanz im therapeutischen Kontext.​

Besonders hervorzuheben sind die Beiträge zu Tränen als Sprache des Verletzlichseins sowie zu Responsivität unter der leitenden Idee „Ich antworte dir, also bin ich berührt“. Beide Textanteile führen eindrucksvoll vor Augen, dass Helfende nicht nur durch fachliche Kompetenz, sondern vor allem durch ihre Fähigkeit zur Präsenz, Resonanz und Berührbarkeit wirksam werden. Damit formuliert Staudacher einen professionsübergreifenden Haltungsanspruch, der unmittelbar berührt und die Ausführenden, die Menschen begleitenden Personen in aktueller wie zukünftiger Zeit zugleich auf verschiedenen Ebenen (Ressourceneinsatz, Zeiteinsatz und Menschlichkeit etc.) herausfordert bzw. herausfordern wird.

Im dritten Teil richtet sich der Blick auf den Transfer in die Praxis: Wie kann die Erkenntnis der Wounded Humanity in das alltägliche Denken und Tun von Menschen in helfenden Berufen einfließen? Hier gelingt eine Brücke zwischen anthropologischer Reflexion und konkretem professionellem Alltag. Im vierten Teil schließlich wird zur Selbstreflexion eingeladen – dazu, das eigene Handeln im Lichte der menschlichen Verletzlichkeit zu überprüfen und gegebenenfalls neu auszurichten.​

Die Autorin zeigt eindringlich auf, wie wesentlich es ist, in den gemeinsamen Momenten mit Patient:innen, Klient:innen, Zugehörigen, Menschen (...) wirklich präsent zu sein – mit dem eigenen Können ebenso wie mit dem eigenen Sein. Diese Qualität der Präsenz erscheint als Kern professioneller Menschlichkeit, bleibt in vielen Ausbildungsdiskursen der „helfenden Berufe“ in Gesundheits- / Sozial- und Bildungswesen jedoch noch weitgehend unberücksichtigt.

Hier liegt zugleich ein kritischer Punkt, der sich aus der Lektüre aufdrängt: Die Aufgabe, die von Staudacher entfaltete Anthropologie der Verletzlichkeit systematisch in die grundlegenden (Aus-)Bildungslandschaften – Pflege, Ergotherapie, Physiotherapie etc. – zu integrieren. Auch eine explizitere Ausarbeitung der Bezüge zu verschiedenen Professionen und deren gelebten Handlungsfeldern könnte die Anschlussfähigkeit des Ansatzes weiter stärken.​

Dennoch bietet das Buch einen außerordentlich wichtigen Impuls: Es lädt dazu ein, Verletzlichkeit nicht nur als Gegenstand professionellen Handelns zu betrachten, sondern als gemeinsamen Horizont, in dem sich Helfende und Hilfesuchende begegnen. Wounded Humanity ist damit ein kluges, tief berührendes und zugleich herausforderndes Buch, das auf 240 Seiten Mut macht, Verletzlichkeit als Quelle professioneller Menschlichkeit ernst zu nehmen.​

Eine Rezension von Nadine Scholz-Schwärzler,
Ergotherapeutin, Bc OT (NL), MSc.
Ergotherapeutisches Coaching, Schulleitung Ergotherapie
www.empowerment-project.de

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