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Wenn Pflege zur Dauerbelastung wird: DZPG untersucht psychische Gesundheit pflegender Angehöriger
Rund fünf Millionen Menschen in Deutschland sind pflegebedürftig, etwa 80 Prozent von ihnen werden zu Hause versorgt – überwiegend durch Angehörige. Damit leisten mehr als sieben Millionen Menschen regelmäßig informelle Pflegearbeit. Zugleich ist diese Gruppe psychisch deutlich stärker belastet als die Allgemeinbevölkerung. An diesem Punkt setzt ein neues Forschungsprojekt des Deutschen Zentrums für Psychische Gesundheit (DZPG) an den Standorten Tübingen und Berlin-Potsdam an. Ziel ist es, Belastungen und Unterstützungsbedarfe pflegender Angehöriger genauer zu erfassen und daraus Impulse für die Versorgung abzuleiten.
Nach Angaben des DZPG soll die psychische Gesundheit pflegender Angehöriger gezielt geschützt und gestärkt werden. Studien weisen seit Längerem auf erhöhte Belastungen hin. So zeigen Untersuchungen höhere Raten für Depressionen, Stress, Erschöpfung und weitere psychische Beschwerden. Dennoch gelten informell Pflegende bislang nicht als eigenständige Zielgruppe der psychischen Gesundheitsversorgung.
Mit dem VISIONS-Projekt „Inno:Care – Stress, mentale Gesundheit und Resilienz in der informellen Pflege von Angehörigen“ will das DZPG diese Lücke stärker in den Blick nehmen. Geleitet wird das Projekt von Dr. Lydia Kogler gemeinsam mit Dr. Caroline Meyer und Heike Petereit-Zipfel, Erfahrungsexpertin und Co-Forschende im VISIONS-Projekt. Der Start ist für Juli vorgesehen. Das Forschungsvorhaben verfolgt einen partizipativen Ansatz: Pflegende Angehörige sollen sich aktiv einbringen und ihre Erfahrungen in den Prozess einfließen lassen.
Geplant ist zunächst eine groß angelegte Online-Befragung im deutschsprachigen Raum. Sie soll systematisch erfassen, wie häufig psychische Belastungen wie Depressionen, Angststörungen, Suchterkrankungen oder Traumabelastungen bei pflegenden Angehörigen auftreten und in welchen Bereichen Unterstützungsbedarf besteht. Dabei soll die Vielfalt informeller Pflege ausdrücklich berücksichtigt werden – von Angehörigen älterer oder an Demenz erkrankter Menschen über Eltern pflegebedürftiger Kinder bis hin zu sogenannten Young Carers, also Kindern und jungen Erwachsenen mit Pflegeverantwortung. „Pflegende Angehörige haben eine zentrale Rolle im Versorgungssystem – oft über Jahre hinweg und unter hoher Belastung“, sagt Dr. Lydia Kogler. „Wir wollen genauer verstehen, welche Faktoren ihre psychische Gesundheit beeinflussen, um daraus gezielte Unterstützungsangebote ableiten zu können.“
Wie sich diese Belastung im Alltag anfühlt, beschreibt eine Angehörige aus dem Trialogischen Zentrumsrat, die selbst beide Elternteile pflegt: „Pflege hört nie auf. Sie läuft neben dem Beruf, neben der Familie, oft auch nachts – selbst dann, wenn die eigenen Kräfte längst erschöpft sind.“ Besonders schwierig werde es in akuten Belastungssituationen. „In den Momenten, in denen es wirklich schwierig wird, bräuchte man sofort Unterstützung. Stattdessen steht man oft allein da oder verliert Zeit mit Zuständigkeiten und Formularen. Was fehlt, ist unkomplizierte Unterstützung vor Ort – auch kurzfristig, damit die Situation nicht kippt.“
Heike Petereit-Zipfel betont, dass das Versorgungssystem nach wie vor stark auf die stillschweigende Mitverantwortung von Familien setze, ohne ihnen die notwendige Unterstützung systematisch bereitzustellen. „InnoCare setzt genau hier an. Es macht sichtbar, was lange unsichtbar geblieben ist, und bringt Erfahrungsexpertise gleichberechtigt in die Entwicklung von Lösungen ein. Für mich ist das kein ‚nice to have‘, sondern eine notwendige Voraussetzung für eine zukunftsfähige Versorgung.“
Im weiteren Verlauf des Projekts sollen solche Erfahrungen gezielt gesammelt und ausgewertet werden. Für das Frühjahr 2027 ist ein Symposium geplant, bei dem pflegende Angehörige mit Fachleuten aus Psychotherapie, Medizin, Sozialarbeit, ambulanter Pflege, Krankenkassen und Politik zusammenkommen. „Wir bringen bewusst unterschiedliche Perspektiven zusammen – Betroffene, Versorgung und Systemakteure“, sagt Dr. Lydia Kogler. „Wir sind überzeugt, dass nur die Lösungen im Alltag nutzbar sind, die gemeinsam mit allen Beteiligten entwickelt wurden.“
Langfristig zielt das Projekt darauf ab, präventive Strukturen zu entwickeln, die psychische Belastungen frühzeitig auffangen können. Aus Sicht des DZPG besteht hier erheblicher Handlungsbedarf. „Pflegende Angehörige geraten meist erst dann in den Fokus, wenn bereits eine Erkrankung entstanden ist. Wir müssen diese Gruppe früher erreichen und systematisch in Prävention und Versorgung einbeziehen“, betont DZPG-Sprecher Prof. Peter Falkai.
Auch Prof. Silvia Schneider, Sprecherin des DZPG, unterstreicht die Bedeutung des Projekts: „Mit den VISIONS-Projekten schafft das DZPG Raum für Forschung, die agil auf Entwicklungen mit hoher gesellschaftlicher Relevanz reagieren kann. Gerade bei Themen wie der psychischen Gesundheit pflegender Angehöriger müssen wir schnell verstehen, wo Risiken entstehen, welche Unterstützung wirkt und wie neue Erkenntnisse in Prävention und Versorgung übersetzt werden können. Solche Projekte setzen Impulse, damit Forschung nicht nur beschreibt, sondern konkrete Verbesserungen anstößt.“
Mit Blick auf den demografischen Wandel rechnet das DZPG damit, dass die Zahl pflegebedürftiger Menschen weiter steigen wird – und damit auch die Zahl der Angehörigen, die Pflegeverantwortung übernehmen. „Es werden also viele Menschen im Laufe ihres Lebens selbst in die Situation kommen, Angehörige zu pflegen“, sagt Dr. Lydia Kogler. „Deshalb ist es höchste Zeit, mithilfe der Forschung an Strukturen zu arbeiten, die diese Menschen von Anfang an unterstützen – verlässlich, erreichbar und wirksam.“
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