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Aktualisierte S3-Leitlinie: Neue Empfehlungen für Depressionen bei Kindern und Jugendlichen

Altersgerechte Therapien, Psychotherapie vor Medikamenten, erweiterte Zusatzangebote und eine stärkere Einbindung von Kindern und Eltern – das sind die Kernpunkte der überarbeiteten S3-Leitlinie „Behandlung depressiver Störungen bei Kindern und Jugendlichen“. Sie fasst den aktuellen Forschungsstand zusammen, liefert praxisnahe Handlungsempfehlungen und stärkt die psychiatrische und psychotherapeutische Versorgung junger Menschen mit Depressionen erheblich. Die Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie am LMU Klinikum München hat die Leitlinie im Auftrag der DGKJP federführend überarbeitet. Die Veröffentlichung erfolgte im März 2026.

Depressive Störungen zählen weltweit zu den häufigsten psychischen Erkrankungen und können bereits im frühen Kindesalter auftreten. Im Jugendalter steigt die Prävalenz deutlich auf etwa acht Prozent. Sie verursachen eine erhebliche Krankheitslast und belasten sowohl die Betroffenen als auch ihre Familien. Die COVID-19-Pandemie verschärfte diese Entwicklung durch soziale Isolation und Zukunftsängste: international stiegen depressive Symptome auf rund 25 Prozent, in Deutschland auf bis zu 24 Prozent. Zwar sanken die Werte nach der Pandemie wieder, die psychische Belastung blieb jedoch weiterhin erhöht.

Mit der Veröffentlichung der aktualisierten S3-Leitlinie „Behandlung depressiver Störungen im Kindes- und Jugendalter“ im Leitlinienregister der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften e.V. (AWMF) steht Fachpersonen im Gesundheitswesen eine umfassend überarbeitete, evidenzbasierte Behandlungsleitlinie zur Verfügung. Federführend bearbeitet wurde sie von Prof. Dr. Gerd Schulte-Körne und seinem Team, die aktuelle wissenschaftliche Studien ausgewertet und daraus konkrete Behandlungsempfehlungen abgeleitet haben.

„Es war beeindruckend, wie viele neue Studien zur Behandlung der Depression im Kindes- und Jugendalter in den letzten Jahren veröffentlicht wurden, die Eingang in die neuen Empfehlungen gefunden haben“, sagt Prof. Dr. Gerd Schulte-Körne, Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie am LMU Klinikum München. „Vor allem die frühzeitige Beteiligung der Kinder und Jugendlichen mit einer Depression an den Therapieentscheidungen auf der Basis einer alters- und entwicklungsangemessenen Aufklärung und Partizipation ist eine wichtige Neuerung in der Leitlinie“, ergänzt der Klinikdirektor. „Eine wichtige neue Empfehlung ist, dass unabhängig vom Schweregrad der Depression nach der fachärztlichen Diagnosestellung eine Behandlung immer erfolgen soll.“

Depressive Erkrankungen verlaufen häufig phasenweise, von wenigen Wochen bis zu mehreren Monaten, und führen zu erheblichen Beeinträchtigungen der psychosozialen Entwicklung, insbesondere im schulischen und späteren beruflichen Bereich. Außerdem erhöhen sie das Risiko für weitere psychische und somatische Erkrankungen. Da sich Symptomatik, Behandlungsbedarf und Wirksamkeit therapeutischer Ansätze altersabhängig unterscheiden, lassen sich Erkenntnisse aus dem Erwachsenenbereich nicht einfach auf Kinder und Jugendliche übertragen.

Die aktualisierte Leitlinie bündelt die wissenschaftliche Evidenz zur Wirksamkeit verschiedener Behandlungsansätze und unterstützt Behandelnde bei der Auswahl und Planung geeigneter Therapien. Ziel ist es, die leitliniengerechte Versorgung von Kindern und Jugendlichen mit Depression zu stärken, Krankheitsdauer und Rückfallrisiken zu reduzieren und gleichzeitig unerwünschte Neben- und Folgewirkungen möglichst gering zu halten.

Die aktualisierte Leitlinie bringt vier zentrale Neuerungen:

  • Altersdifferenzierte Empfehlungen: Für Kinder und Jugendliche gibt es erstmals separate Empfehlungen für drei Altersgruppen (3–6, 7–12, 13–18 Jahre), z. B. familienbasierte Therapien für jüngere Kinder und interpersonelle Therapie für ältere Kinder.
  • Psychotherapie vorrangig: Kognitive Verhaltenstherapie bleibt die Therapie der ersten Wahl. Die Pharmakotherapie wurde erweitert: Neben Fluoxetin gelten nun auch Sertralin und Escitalopram als Mittel der ersten Wahl bei mittelgradigen und schweren Depressionen.
  • Ergänzende Maßnahmen: Sport, künstlerische Therapien und Interventionen der Kinder- und Jugendhilfe werden stärker berücksichtigt, um die Behandlung interdisziplinär und ganzheitlich zu gestalten.
  • Partizipative Einbindung: Kinder, Jugendliche und Eltern sollen aktiv in Behandlungsentscheidungen einbezogen werden, unter Berücksichtigung von Entwicklungsstand, individuellen Bedürfnissen und evidenzbasierter Empfehlungen.

Aktualisierte Online-Informationen für Kinder, Jugendliche und Eltern

Das Webportal „ich bin alles“ (www.ich-bin-alles.de) wurde von der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie des LMU Klinikums gemeinsam mit der Beisheim Stiftung (www.beisheim-stiftung.com) entwickelt. Es erklärt Depressionen altersgerecht und verständlich und vermittelt die Inhalte der Leitlinie zielgruppengerecht. Kinder und Jugendliche erhalten dort Informationen zu Formen, Ursachen und evidenzbasierten Behandlungsmöglichkeiten sowie zu Hilfsangeboten. Die Inhalte wurden partizipativ erstellt und in jugendgerechter Sprache über Texte, Podcasts, Videos und Erfahrungsberichte aufbereitet; ein Präventionsteil stärkt die psychische Gesundheit. Ein eigener Bereich bietet Eltern praktische Unterstützung. Im Rahmen der Leitlinienaktualisierung wurden sämtliche Inhalte der Website überarbeitet und angepasst.

Die Wirksamkeit des Portals ist wissenschaftlich belegt: Studien zeigen, dass die Inhalte gut verstanden, behalten und positiv bewertet werden (Kloek, Primbs et al., 2025; Kloek, Zsigo et al., 2025; Iglhaut et al., 2024). Ergänzend bietet „ich bin alles @Schule“ ein Informationsangebot für Lehrkräfte. Es vermittelt evidenzbasiertes Wissen zu Depression und psychischer Gesundheit und gibt praxisnahe Hinweise zum Umgang mit betroffenen Schülerinnen und Schülern – unter anderem über eine kostenfreie Online-Fortbildung.

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