
Tim Middendorf, Alexander Parchow (Hrsg.)
Ältere Menschen in prekären Lebenslagen
Theorien, Handlungsfelder und Fragestellungen für die Soziale Arbeit
Beltz Juventa, Weinheim, 1. Auflage 2026, 643 Seiten, 78,00 €, ISBN 978-3-7799-9122-9
Mit dem Sammelband Ältere Menschen in prekären Lebenslagen legen Tim Middendorf und Alexander Parchow eine umfangreiche Publikation vor, die sich einem zunehmend relevanten Themenfeld der Sozialen Arbeit und Alternsforschung widmet. Vor dem Hintergrund demografischer Entwicklungen, wachsender sozialer Ungleichheiten und einer zunehmenden Diversität des Alters rückt der Band jene Lebenslagen in den Fokus, die im öffentlichen Diskurs über Alter häufig weniger sichtbar sind: Armut, gesundheitliche Einschränkungen, soziale Isolation oder eingeschränkte gesellschaftliche Teilhabe.
Der Band bildet den abschließenden Teil einer dreibändigen Reihe zu prekären Lebenslagen in verschiedenen Lebensphasen, nachdem zuvor Bände zu jungen Menschen (2024) und Erwachsenen (2025) erschienen sind. Mit der Fokussierung auf das höhere Lebensalter wird der Ansatz konsequent auf den gesamten Lebenslauf erweitert und verdeutlicht, dass soziale Ungleichheiten kumulative Effekte über unterschiedliche Lebensphasen hinweg entfalten.
Die Publikation versammelt mehr als 30 Beiträge und ist thematisch klar gegliedert. Nach einer konzeptionellen Einführung der Herausgeber folgen zunächst theoretische Beiträge zu prekärer Lebensführung im Alter, etwa zu Fragen der Alterskategorisierung, der Lebensbewältigung oder sozialräumlicher Perspektiven Sozialer Arbeit. Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf gesundheitlichen und versorgungsbezogenen Dimensionen prekärer Lebenslagen, darunter Pflegearrangements, gesundheitliche Ungleichheiten oder Suchtproblematiken im Alter. Ergänzend behandeln weitere Beiträge Themen wie Einsamkeit, digitale Exklusion, Wohnungsnot, migrationsbezogene Aspekte des Alterns sowie Gewalt, Delinquenz und finanzielle Problemlagen wie Überschuldung oder Altersarmut.
Der besondere Mehrwert des Sammelbandes liegt in der konsequenten Rahmung der unterschiedlichen Problemlagen über das Konzept der „prekären Lebenslagen“. Alter wird dadurch nicht primär als biologische Lebensphase verstanden, sondern als sozial strukturierte Lebenssituation, die durch biografische Verläufe, gesellschaftliche Ungleichheiten und institutionelle Rahmenbedingungen geprägt ist. Die Beiträge verbinden sozialarbeitswissenschaftliche Perspektiven mit Ansätzen aus Soziologie, Gerontologie, Gesundheitswissenschaften und Sozialpolitik und eröffnen damit einen interdisziplinären Zugang zum Thema.
Für Forschung und Lehre bietet der Band eine breit angelegte Bestandsaufnahme aktueller Diskurse über soziale Ungleichheit im Alter. Gleichzeitig liefert er praxisnahe Einblicke in zentrale Handlungsfelder der Sozialen Arbeit, etwa in der Pflegeberatung, sozialräumlichen Interventionen, der Förderung digitaler Teilhabe oder migrationssensiblen Konzepten der Altenhilfe. Gestalterisch sind die Beiträge übersichtlich strukturiert und mit umfangreichen Literaturverweisen versehen. Der Schwerpunkt liegt auf textbasierten Analysen; grafische Darstellungen werden nur vereinzelt eingesetzt. Eine stärkere Visualisierung zentraler Befunde hätte teilweise zur besseren Übersicht beitragen können.
Die thematische Vielfalt stellt zugleich eine Stärke und eine Herausforderung der Publikation dar. Einerseits macht sie die Heterogenität prekärer Lebenslagen im Alter sichtbar und erweitert die Perspektive auf bislang weniger beachtete Themenfelder. Andererseits führt die Breite des Bandes dazu, dass einzelne Aspekte nur in begrenzter Tiefe behandelt werden können und sich die Beiträge hinsichtlich Umfang und theoretischer Fundierung teilweise deutlich unterscheiden – eine Charakteristik, die für Sammelbände jedoch nicht ungewöhnlich ist. Trotz der großen thematischen Breite bleibt die konzeptionelle Verbindung der einzelnen Beiträge teilweise lose, sodass eine stärker zusammenführende theoretische Rahmung die übergreifenden Erkenntnisse für Forschung und Praxis noch klarer hätte herausarbeiten können. Zudem unterscheiden sich die Beiträge – wie für Sammelbände nicht untypisch – deutlich hinsichtlich ihres Umfangs, ihrer methodischen Fundierung und ihres analytischen Anspruchs, wodurch stellenweise ein heterogenes Gesamtbild entsteht. Schließlich liegt der Fokus überwiegend auf dem deutschsprachigen Kontext, sodass eine stärkere Einbindung internationaler Forschungsperspektiven die Einordnung der diskutierten Problemlagen zusätzlich hätte bereichern können.
Insgesamt stellt der Sammelband eine fundierte und thematisch breit angelegte Veröffentlichung dar, die zentrale Herausforderungen des Alterns aus der Perspektive sozialer Ungleichheit beleuchtet. Er bietet sowohl theoretische Orientierung als auch praxisrelevante Einblicke und ist daher insbesondere für Studierende, Forschende und Fachkräfte der Sozialen Arbeit sowie für Leserinnen und Leser aus der Alternsforschung von Interesse.
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