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Thomas Petzold & Benjamin Böhland (Hrsg.) 

Adaptive Transformation des Gesundheitswesens
Impulse für eine zukunftsfähige Gesundheitsversorgung

Springer, Berlin 2026, 422 Seiten, 89,99 €, ISBN 978-3-662-71627-4

Das deutsche Gesundheitswesen steht unter enormem Veränderungsdruck: Demografie, Fachkräftemangel, Digitalisierung, chronische Unterfinanzierung und wachsende gesundheitliche Ungleichheit fordern systemische Antworten. Der vorliegende Sammelband vereint 22 Beiträge von über 30 Autorinnen und Autoren aus Recht, Ökonomie, Qualitätsmanagement, Digital Health, Pflegewissenschaft, Philosophie und Versorgungspraxis. Er will Impulse geben, wie Transformation im Gesundheitswesen initiiert, begleitet und evaluiert werden kann.

Herausgeber Thomas Petzold, promoviert in Sozialmedizin und Versorgungsforschung, Co-Leiter der AG Digitalisierung und Qualitätsmanagement in der GQMG, und Benjamin Böhland, Rechtsanwalt und stellvertretender Geschäftsführer der Krankenhausgesellschaft Sachsen, bringen Perspektiven aus Qualitätsmanagement und Krankenhausrecht zusammen. Das Geleitwort stammt von Maria Eberlein-Gonska, einer Pionierin des klinischen Qualitätsmanagements, die darin einen offenen Dialog mit Petzold über das Verhältnis von Transformation und QM führt (S. VII–X). Zu den Beitragenden zählen unter anderem Winfried Kluth, Lehrstuhlinhaber für Öffentliches Recht, ehemaliger Verfassungsrichter und Vorsitzender des Sachverständigenrats für Integration und Migration, Gabriele Meyer, Mitglied des Sachverständigenrats Gesundheit und Pflege sowie des Deutschen Ethikrats, und Francesco De Meo, ehemaliger CEO von Helios und Fresenius-Vorstand.

Das Buch gliedert sich in sieben thematische Blöcke. Nach einer begrifflichen Annäherung an „adaptive Transformation“ durch die Herausgebenden (S. 1–3) folgen Beiträge zur rechtlichen Transformation, die das Spannungsfeld zwischen Bundesgesetzgebung, Landeskompetenz und Selbstverwaltung ausloten. Ein finanzierungspolitisches Kapitel analysiert das strukturelle Defizit der GKV. Drei Beiträge widmen sich der Organisationskultur: Mindfulness in der Führung, Augenhöhe als Führungshaltung und das Verhältnis von Agilität und Standardisierung. Der umfangreichste Block behandelt Transformationsmethoden, darunter Partizipation, organisationale Resilienz und Qualitätsmanagement als Steuerungsinstrument. Es folgen praxisnahe Beiträge zu Versorgungsstrukturen: eine Versorgungsvision 2030, Gesundheitskioske, Virtual Reality und digitale Vernetzung. Den Abschluss bildet ein Block zur systemischen Transformation mit Beiträgen zu Patientenrechten, Health Equity, Pflegeforschung, DiGA-Nutzennachweis und evidenzbasierter Gesundheitspolitik. Die innere Logik folgt einem Bogen vom Rahmen (Recht, Finanzen) über Kultur und Methoden hin zu konkreten Versorgungsfeldern und schließlich zur Reflexion des Gesamtsystems. Dabei gelingt es, eine bemerkenswerte disziplinäre Breite herzustellen.

Die Stärke des Bandes liegt in der fachlichen Qualität zahlreicher Einzelbeiträge. Besonders hervorzuheben ist Winfried Kluths verfassungsrechtliche Analyse der Kompetenzsegmentierung im Krankenhausrecht (S. 7–22), die überzeugend darlegt, warum der Bund eine breitere Gesetzgebungskompetenz braucht, um kohärente Steuerung zu ermöglichen, ohne den Gestaltungsspielraum der Länder aufzuheben. Dieser Beitrag hat visionäre Qualität. Ebenso überzeugt Bianca Flacheneckers Beitrag zu Health Equity (S. 301–314), der mit dem verbreiteten Irrglauben aufräumt, gesundheitliche Ungleichheit ließe sich primär über Bildung bekämpfen. Ihr Verweis auf den Alkoholatlas 2022, wonach riskanter Alkoholkonsum mit steigendem Bildungsniveau zunimmt (S. 304), zeigt eindrücklich die Grenzen aufklärerischer Rationalitätsannahmen. Meuche, Prugger, Reder und Apfelbacher öffnen als einziger Beitrag im Band den Blick auf postkoloniale Machtstrukturen und feministische Perspektiven in Public Health (S. 389–404).

Umso kritischer fällt die begriffliche Rahmung durch die Herausgebenden auf. Das einleitende Kapitel definiert Transformation als „Diskontinuität“ und „Bruch mit den bestehenden Strukturen und Prozessen“ (S. 2), erklärt sie für grundsätzlich disruptiv und ohne konkretes Zielbild. Wittmayer et al. (2018) verstehen Transformation dagegen als gesellschaftlichen Such- und Lernprozess, der intentional wie unintentional verlaufen kann und eine normative Orientierung voraussetzt, zumal in den Fachartikeln des Bandes mit Vision und Purpose gearbeitet wird (Aufermann, S. 131–133). Was das Adjektiv „adaptiv“ dem Transformationsbegriff hinzufügt, bleibt offen.

Im Geleitwort stellt Eberlein-Gonska die Frage direkt: Was Transformation eigentlich sei und was sie von Qualitäts- und Risikomanagement unterscheide (S. VIII). Petzolds Antwort läuft im Kern auf Unternehmensentwicklung hinaus, woraufhin Eberlein-Gonska bilanziert, man sei „nicht auseinander“ (S. X). Der programmatische Rahmen des Bandes verschwimmt dort, wo er Schärfe bräuchte.

Schwerer noch wiegt die fehlende Definition des Gegenstands: Was genau meinen die Autorinnen und Autoren mit „Gesundheitswesen“? Das SGB-V-System der gesetzlichen Krankenversicherung? Das Zusammenspiel aller Sozialgesetzbücher? Oder ein umfassendes Public-Health-System, das Prävention, Gesundheitsförderung, Soziale Arbeit und kommunale Daseinsvorsorge einschließt? Die meisten Beiträge bewegen sich implizit im Rahmen des Krankenversorgungssystems, während einzelne (Flachenecker, Meuche et al., Stührenberg et al.) in Richtung eines weiter gefassten Verständnisses weisen. Diese Spannung wird weder im Einleitungs- noch im Schlusskapitel aufgelöst. Wer nicht definiert, was transformiert werden soll, kann auch nicht sagen, von wo aus und wohin.

Die Autorinnenriege ist breit aufgestellt, Stimmen aus der Sozialen Arbeit, der Wohlfahrtspflege, der Kinder- und Jugendhilfe, den Disability Studies und der Migrationsforschung hätten Leerstellen gefüllt. Pflegende aus der Praxis kommen nicht zu Wort, obwohl die akademische Pflegewissenschaft prominent vertreten ist. Eine Bürger/innen- oder Patient/innenperspektive jenseits der institutionellen Vertretung sucht man vergeblich: Partizipation wird als Methode beschworen, aber in der Autorinnenschaft leider nicht gelebt.

Auffällig ist zudem das weitgehende Fehlen europäischer und internationaler Bezugspunkte. Die EU-Gesundheitspolitik, die UN-Nachhaltigkeitsziele und deren Gesundheitsdimension (SDG 3), aber auch die WHO-Strategien zu Health in All Policies spielen praktisch keine Rolle. Nachhaltigkeit als Querschnittsthema, das ökologische, soziale und ökonomische Dimensionen verbindet, wird allenfalls am Rande erwähnt. In einem Buch, das „zukunftsfähige Gesundheitsversorgung“ im Untertitel trägt, ist das ein überraschendes Defizit.

Der Band versammelt eine beachtliche Expertise und leistet einen wertvollen Beitrag zur Diskussion über Veränderungsprozesse im Gesundheitswesen. Die Vielfalt der Zugänge ist seine Stärke. Seine Schwäche liegt in der fehlenden Konvergenz: Liest man die Beiträge zusammen, drängt sich die Frage auf, ob „adaptive Transformation“ innerhalb der bestehenden Systemlogik überhaupt ausreicht, oder ob die Summe der diagnostizierten Defizite nicht vielmehr einen grundlegend neuen Systementwurf verlangt. Diese Frage wird gestellt, aber nicht beantwortet. Der Blick bleibt intrasystemisch, die Prognose restauriert selbiges. 

Das Buch empfiehlt sich für Akteurinnen in Gesundheitsmanagement, Versorgungsforschung und Gesundheitspolitik, die einen aktuellen und multiperspektivischen Überblick über Transformationsbedarfe und -methoden suchen.

Eine Rezension von Eva Schütte
Krankenschwester, Coach (QRC), B.A. Instructional Design & Bildungsplanung
Studierende im M.A.Transformationsstudien


Literatur:

Wittmayer, J., Hölscher, K., Wunder, S. & Veenhoff, S. (2018). Transformation research: Exploring methods for an emerging research field. Umweltbundesamt, Texte 01/2018. https://d-nb.info/1390911624/34

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