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Eva Maria Löffler, Christian Bleck, Harald Rüßler (Hrsg.) 

Forschen und Forschung in Kontexten des Alter(n)s
Ausblicke und Konsequenzen für die Soziale Arbeit

Reihe Theorie, Forschung und Praxis der Sozialen Arbeit, Band 2
Verlag Barbara Budrich, Leverkusen 2025, 258 Seiten, 39,90 €, ISBN 978-3-8474-3157-2

Mit dem Sammelband Forschen und Forschung in Kontexten des Alter(n)s legen Eva Maria Löffler, Christian Bleck und Harald Rüßler eine Publikation vor, die eine bislang vergleichsweise wenig systematisch aufgearbeitete Verbindung in den Mittelpunkt rückt: die empirische Forschung zu Alter(n) aus der Perspektive der Sozialen Arbeit. Der Band versteht sich ausdrücklich als Beitrag zur Weiterentwicklung der Sozialen Arbeit als Wissenschaft, Praxis und Ausbildung und positioniert sich damit klar innerhalb professions- und disziplinbezogener Diskurse.

Ausgangspunkt des Sammelbandes ist die Feststellung, dass demografische Entwicklungen und gesellschaftliche Transformationsprozesse den Bedarf an differenziertem, forschungsbasiertem Wissen zu Alter(n) erheblich steigern. Gleichzeitig wird konstatiert, dass professionsbezogene, adressat:innen- und organisationsbezogene Forschung zu Alter(n) in der Sozialen Arbeit bislang unterrepräsentiert ist. Der Band setzt genau hier an und versammelt Beiträge von Mitgliedern der DGSA-Fachgruppe „Soziale Arbeit in Kontexten des Alter(n)s“, die auf eigenen empirischen Forschungsarbeiten basieren.

Der Sammelband gliedert sich in zwei Hauptteile. Der erste Teil widmet sich Erkenntnissen zum Forschen und zum Forschungsprozess in Kontexten des Alter(n)s. Hier stehen methodologische Reflexionen und innovative Forschungszugänge im Vordergrund. Besonders hervorzuheben sind die Beiträge zur sozialräumlichen und partizipativen Forschung, zum Hilfepaarinterview als spezifisches Erhebungsinstrument sowie zu forschungspraktischen Herausforderungen bei tabuisierten Themen oder kreativen, narrativen Zugängen wie dem Digital Storytelling. Gemeinsam ist diesen Beiträgen eine hohe Reflexivität im Hinblick auf Machtverhältnisse, Subjektpositionen und forschungsethische Anforderungen.

Der zweite Teil bündelt empirische Studien mit professionsbezogener, adressat:innenbezogener und organisationsbezogener Perspektive. Thematisch reicht das Spektrum von Wissensverwendung und professionellem Selbstverständnis Sozialer Arbeit über Fragen von Alltagsrassismus, Pflegearrangements, Distance Caregiving und Sexualität im Pflegeheim bis hin zu organisationsbezogenen Analysen kommunaler Altenhilfe, Seniorenbüros und sozialrechtlicher Rahmenbedingungen. Die Beiträge zeichnen sich durch eine klare empirische Fundierung aus und reflektieren jeweils explizit Konsequenzen für Praxis, Forschung und Ausbildung Sozialer Arbeit.

Eine besondere Stärke des Bandes liegt darin, dass Alter(n) nicht als homogene Lebensphase oder defizitorischer Zustand behandelt wird, sondern als sozial, kulturell und institutionell gerahmter Prozess. Die Beiträge machen deutlich, wie heterogen Lebenslagen, Unterstützungsbedarfe und Teilhabechancen im Alter sind und welche Bedeutung dies für professionelle Handlungskonzepte Sozialer Arbeit hat. Zugleich wird sichtbar, dass viele der vorgestellten Forschungsprojekte unter prekären Förderbedingungen entstanden sind, häufig im Kontext von Qualifikationsarbeiten oder Lehrforschungsprojekten – ein Befund, der kritisch auf strukturelle Defizite in der Forschungsförderung der Sozialen Arbeit verweist.

Innovativ ist der Band insbesondere durch seine konsequente Ausrichtung auf eigene empirische Forschung sowie durch die systematische Verbindung von Erkenntnisgewinn und professionsbezogener Reflexion. Im Vergleich zu klassischen Handbüchern oder Überblickswerken zum Thema Alter(n) zeichnet sich der Sammelband durch seine Nähe zu aktuellen Forschungsprozessen und durch seine methodische Vielfalt aus. Weniger im Fokus stehen hingegen quantitative Großstudien oder internationale Vergleichsperspektiven; dies ist jedoch dem expliziten Anspruch des Bandes geschuldet und mindert seinen Erkenntniswert nicht.

Insgesamt handelt es sich um eine fachlich fundierte, gut strukturierte und inhaltlich dichte Publikation, die einen wichtigen Beitrag zur Profilierung der Sozialen Arbeit in Kontexten des Alter(n)s leistet. 

Ein zentrales Anliegen des Bandes ist die Verknüpfung von wissenschaftlicher Empirie und praktischer Sozialer Arbeit. Die Autor:innen der einzelnen Beiträge diskutieren wie Forschungsergebnisse in Handlungsstrategien und Konzepte übersetzt werden können und welche Anforderungen sich für die Praxis ergeben.

Der Sammelband eignet sich insbesondere für Forschende, Lehrende und fortgeschrittene Studierende der Sozialen Arbeit sowie für Fachkräfte, die an einer reflexiven Weiterentwicklung ihrer Praxis interessiert sind. Darüber hinaus bietet er wertvolle Impulse für interdisziplinäre Diskurse an der Schnittstelle von Sozialer Arbeit, Gerontologie und Pflegewissenschaft.

Kritisch anzumerken ist, dass der Sammelband trotz seiner inhaltlichen Vielfalt und empirischen Tiefe stellenweise eine starke Binnenperspektive der Sozialen Arbeit einnimmt. Die konsequente Verankerung aller Beiträge in disziplinären und professionsbezogenen Diskursen ist einerseits eine Stärke, führt andererseits jedoch dazu, dass interdisziplinäre Anschlussstellen – etwa zur Pflegewissenschaft, Gesundheitswissenschaft, Gerontologie oder Versorgungsforschung – nur punktuell und meist implizit aufgegriffen werden. Gerade angesichts der hohen Relevanz multiprofessioneller Kooperationen in Kontexten des Alter(n)s wäre eine stärkere explizite Auseinandersetzung mit angrenzenden Disziplinen sowie mit internationalen Forschungsständen wünschenswert gewesen. Dies betrifft insbesondere organisations- und systembezogene Fragestellungen, bei denen strukturelle Herausforderungen häufig über die Soziale Arbeit hinausreichen. Der Band bleibt hier überwiegend auf einer nationalen und disziplinären Ebene, was seine Anschlussfähigkeit an breitere alter(n)s- und versorgungsbezogene Forschungsdiskurse teilweise begrenzt.

Fazit:
Der Sammelband Forschen und Forschung in Kontexten des Alter(n)s schließt eine relevante Forschungslücke und überzeugt durch empirische Tiefe, methodische Reflexivität und eine klare professionsbezogene Ausrichtung. Er ist für alle lesenswert, die sich wissenschaftlich oder praxisbezogen mit Alter(n) und Sozialer Arbeit, gerne auch angrenzende Disziplinen wie Gerontologie und Pflegewissenschaften, auseinandersetzen und die Weiterentwicklung des Feldes aktiv mitgestalten möchten. Insgesamt bietet der Sammelband einen differenzierten Überblick über aktuelle Diskurse der Altersforschung im Kontext sozialer Arbeit. 

Eine Rezension von Prof. Martina Saße und Dr. Christina Heßling

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