
Autor/innen:
Sabine H. Krauss, Sarah Peuten (Hrsg.)
Gesundheitsforschung. Interdisziplinäre Perspektiven, Band 6.
Sever Draganescu, kand. PhD, MScN, BScN, RN
Wer arbeitet im Gesundheitsbereich eigentlich mit wem zusammen – und was braucht es, damit daraus eine gemeinsame Versorgung entsteht? Der Sammelband von Sabine H. Krauss und Sarah Peuten untersucht diese Fragen anhand qualitativer Forschung. Er richtet den Blick auf berufliche Rollen, alltägliche Abstimmungen und die Mitwirkung von Patientinnen, Patienten und Angehörigen. Ziel ist, die Erkenntnismöglichkeiten qualitativer Gesundheitsforschung sichtbar und für die Auseinandersetzung mit Versorgungspraxis nutzbar zu machen.
Sabine H. Krauss ist promovierte Soziologin und wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Palliativmedizin am LMU Klinikum München. Ihre Forschung zu Arbeit und Organisation am Lebensende liegt unter anderem in der Monografie «Dienstleistungsarbeit in der Palliative Care» (2025) vor. Sarah Peuten studierte Europäische Ethnologie/Kulturwissenschaft in Marburg und promovierte 2018. Sie arbeitete in der Augsburger Soziologie und ist der dortigen Professur weiterhin assoziiert. Ihre Monografie «Die Patientenverfügung – über den Selbstbestimmungsdiskurs am Lebensende» (2018) steht für ihre Beschäftigung mit Wissen, Selbstbestimmung und Lebensende.
Der Band entstand aus dem zweiten Augsburger Nachwuchsworkshop zur interdisziplinären Gesundheitsforschung 2023, unterstützt durch das Zentrum für Interdisziplinäre Gesundheitsforschung der Universität Augsburg. Er versammelt Beiträge aus Qualifikationsarbeiten und Forschungsprojekten.
Die acht Beiträge bilden drei thematische Teile: Zunächst untersuchen Laura Grünert sozialarbeiterische Beratung und Marie-Christin Redlich et al. die professionelle Identität von Pflegefachpersonen in der Zusammenarbeit mit der Hausärzteschaft. Der zweite Teil erweitert den Blick auf Integration und Inklusion. Catharina Roth, Michel Wensing und Sarah Berger befassen sich mit der beruflichen Integration international qualifizierter Pflegefachpersonen in Deutschland. Beatrice Odierna untersucht den eingeschränkten Gesundheitszugang von Frauen, die gesellschaftlich als geflüchtet adressiert werden. Barbara Röscheisen thematisiert Selbstbestimmung und deren Grenzen in der persönlichen Assistenz von Menschen mit Behinderung. Im dritten Teil analysieren Sabine H. Krauss Interaktionsarbeit in der ambulanten Palliativversorgung, Sarah Peuten Wissensdivergenzen auf der Palliativstation und Julia Senneke die Nicht-Zusammenarbeit mit Angehörigen im Tageshospiz. Der Aufbau verbindet damit berufliche Positionierungen, gesellschaftliche Teilhabe und konkrete Versorgungspraxis. Die Beiträge von Roth et al., Odierna und Röscheisen werden hier auf Grundlage des Vorworts, der Inhaltsübersichten und der Beitragsanfänge eingeordnet; die vertiefte Ergebnisbewertung bezieht sich auf die übrigen fünf Beiträge.
Das Thema ist bewusst weit gefasst. Zusammenarbeit umfasst Beziehungen zwischen Berufsgruppen, zu Ratsuchenden und Angehörigen sowie institutionelle Rahmenbedingungen. Diese Öffnung ist ein Gewinn, weil Schwierigkeiten nicht vorschnell auf individuelle Kommunikation reduziert werden. Die Themenwahl von Roth et al., Odierna und Röscheisen ergänzt dieses Profil um berufliche Integration, Zugangsgerechtigkeit und Selbstbestimmung. Damit entstehen Anknüpfungspunkte für eine diskriminierungssensible Pflegebildung und Praxisreflexion. Aktuell sind ebenso die Fragen nach pflegerischer Eigenständigkeit und tragfähiger Angehörigenunterstützung. Themenaktualität bedeutet allerdings nicht durchgehend neue Daten: Krauss wertet Material aus dem Forschungsprojekt SAVOIR von 2017 bis 2019 erneut aus (S. 202–204). Der zusätzliche Erkenntnisgewinn liegt hier vor allem im analytischen Zugang.
Anschaulich wird dieser Erkenntnisgewinn bei Laura Grünert. Ihr Interaktionsdreieck zeigt, wie sozialarbeiterische Beratung zwischen Ratsuchenden, Leistungsträgern und weiteren Hilfestrukturen vermittelt. Die anschließenden Reflexionsfragen schaffen einen nachvollziehbaren Praxisbezug: Wann entlastet Unterstützung, wann stärkt sie Selbstständigkeit und wann werden Aufgaben unter Zeitdruck vorschnell übernommen? Redlich und Mitautorinnen und Mitautoren zeigen ergänzend, dass sich pflegerische Selbstbilder und hausärztliche Erwartungen in zentralen Kompetenzbereichen überschneiden. Spannungen sind deshalb auch vor dem Hintergrund von Hierarchien und strukturellen Abhängigkeiten zu verstehen. Für interprofessionelle Lehre lässt sich daraus eine wichtige Konsequenz ableiten: Kommunikationstraining sollte durch die Reflexion von Rollen und Handlungsspielräumen ergänzt werden.
Besonders anregend ist das Zusammenspiel der Palliative-Care-Beiträge. Krauss verdeutlicht, dass Angehörige sowohl Unterstützung benötigen als auch selbst Versorgungsarbeit leisten. Peuten zeigt ethnographisch, weshalb Dokumentation allein noch kein gemeinsames Fallverständnis erzeugt: Gespräche und eigene Anwesenheit erschließen zusätzliche Perspektiven. Zugleich kann das Streben nach Harmonie verhindern, dass Differenzen im Team geklärt werden. Sennekes Untersuchung zweier Tageshospize setzt einen produktiven Kontrapunkt. Gerade die zeitweise Abwesenheit von Angehörigen kann Entlastung und die Rückkehr zu vertrauten Alltagsrollen ermöglichen. Zusammengenommen hinterfragen diese Befunde zwei verbreitete Annahmen: Gute Zusammenarbeit ist weder mit Konfliktfreiheit gleichzusetzen, noch ist mehr Einbindung grundsätzlich besser.
Im Vergleich der thematischen Ausrichtung mit Nina Weimann-Sandigs Sammelband «Multiprofessionelle Teamarbeit in Sozialen Dienstleistungsberufen» (2022), der auch Organisations- und Personalentwicklung in mehreren sozialen Arbeitsfeldern behandelt, setzen Krauss und Peuten einen spezifischeren Akzent auf qualitativ erschlossene Praktiken im Gesundheitsbereich. Die eigenständige Leistung liegt in der Verbindung von beruflicher Identität, Interaktionsarbeit und Wissensaushandlung. Die Stärke der untersuchten Beiträge liegt somit vor allem darin, Versorgungssituationen analytisch zu erschließen und professionelle Reflexion zu unterstützen.
Grenzen bleiben erkennbar. Die Herausgeberinnen benennen selbst die Dominanz sozial- und kulturwissenschaftlicher Perspektiven gegenüber medizinischen und pflegewissenschaftlichen Zugängen (S. 16). Der interdisziplinäre Anspruch bedeutet somit keine ausgewogene Repräsentation aller beteiligten Disziplinen. Bei Krauss werden die Sichtweisen von Patientinnen, Patienten und Angehörigen über professionelle Leistungserbringende rekonstruiert; eigene Interviews mit diesen Gruppen fehlen (S. 204). Das begrenzt gerade die Beurteilung ihrer Erfahrungen. Für eine Anwendung in der Schweiz oder Österreich müssen zudem die deutschen institutionellen Rahmenbedingungen berücksichtigt werden.
Übersichtlich sind die dreiteilige Gesamtstruktur und die Inhaltsübersichten der einzelnen Beiträge. Die sachliche, überwiegend textorientierte Gestaltung der vorliegenden Kapitel unterstützt eine konzentrierte Lektüre. Grafiken wie Grünerts schrittweise erweitertes Interaktionsdreieck (S. 42–44) und die Gegenüberstellung beruflicher Selbst- und Fremdbilder bei Redlich et al. (S. 79) verdichten zentrale Zusammenhänge sinnvoll. Anspruchsvoll bleiben theoretische Passagen, etwa die Verortung der Dienstleistungsforschung bei Krauss (S. 193–199). Für Studienanfängerinnen und Studienanfänger empfiehlt sich deshalb eine angeleitete Auswahl; die empirischen Beispiele erleichtern den Zugang.
In den vertieft geprüften Beiträgen wird das Ziel, den Nutzen qualitativer Gesundheitsforschung praxisnah zu veranschaulichen, überzeugend erreicht. Interviews und Beobachtungen machen nachvollziehbar, wie Zusammenarbeit hergestellt, begrenzt und ausgehandelt wird. Lesenswert sind diese Beiträge besonders für Lehrende, Studierende, Forschende und Verantwortliche der Praxisentwicklung in Pflege, Sozialer Arbeit und Gesundheitsversorgung. Ihr wesentlicher Nutzen besteht darin, vertraute Abläufe neu zu befragen und Veränderungen fundierter zu begründen. Zusammenarbeit erscheint so als anspruchsvolle professionelle Aufgabe, die auch Aufmerksamkeit für Macht, Wissen und die Grenzen des Mitwirkens verlangt.