
Autor/innen:
Andreas Frewer, Thomas Engelhardt (Hrsg.)
Bibliographische Daten:
Franz Steiner Verlag, Stuttgart, 2026, Geschichte und Philosophie der Medizin, Band 19, 524 Seiten, 92,00 €, ISBN 978-3-515-14191-8
Dr. med. Herbert Kappauf
Als „Schloss“ bezeichneten zeitgenössische Psychiater den 1879 fertiggestellten repräsentativen Hauptpflegebau der Erlanger Heil- und Pflegeanstalt, vor Ort stets nur als „HuPfla“ bekannt. Als „eine Art Gefängnis“ erschien diese 1939 einem Pfarrer, der einige Zeit nur zu Untersuchungszwecken dort einquartiert war, und manchen Kranken. Als „grauenhaftes Inferno“ beschrieb dann eine zwangsverpflichtete Ärztin das von ihr in diesem Bauwerk erlebte Patientensterben durch Aushungern und andere strukturelle Unterversorgung. Der Professor für Ethik in der Medizin an der Universität Erlangen-Nürnberg Andreas Frewer und der frühere Leiter des Erlanger Stadtmuseums Thomas Engelhard präsentieren in ihrem Buch wichtige neue Forschungsergebnisse zur Ermordung von Kranken der HuPfla und den wissenschaftlichen Zugriff auf ihr Krankenmaterial in der NS-Zeit. Die Mehrzahl der sehr fundierten Buchbeiträge stammt von den beiden Herausgebern. Sie geben aber auch sehr berührend den Perspektiven von Opfern und deren Angehörigen Raum und Stimme. Weitere Beiträge thematisieren gegenwartsrelevantes Erinnern und skizzieren die jahrelangen konfliktreichen Bemühungen, einen für die Universität und Stadtgesellschaft authentischen Gedenk- und Lernort zu schaffen. Denn der historische Abriss des Buches ist auch eine Auseinandersetzung mit der baulichen Abrissgeschichte der HuPfla, die mit modernen Forschungsgebäuden vollständig überbaut werden sollte. Dabei ist aufschlussreich, wie das breite zivilgesellschaftliche Engagement auch mit bei intransparenten Interessenkonflikten auf Zeit spielender Forschung beschwichtigt werden sollte. Schließlich konnte zumindest der Mittelrisalit des „Schlosses“ vor dem Abriss gerettet werden, nicht dagegen die unmittelbar beidseits angrenzenden Krankenflügel, in denen am Ende des Zweiten Weltkriegs die Hungerstationen im Souterrain konzentriert wurden.
Die Erlanger Heil- und Pflegeanstalt unterschied sich von den meisten stationären Einrichtungen für psychiatrisch Langzeitkranke dadurch, dass sie sich nicht abgelegen auf dem Land, sondern inmitten einer renommierten bürgerlichen Universitätsstadt befand. Auch war in der HuPfla seit 1903 die Psychiatrische Universitätsklinik räumlich und administrativ integriert; es bestand eine Vernetzung mit anderen Einrichtungen der Universität: Zwangssterilisationen an HuPfla-Patient:innen fanden in der benachbarten Chirurgischen Klinik bzw. in der Frauenklinik statt. Leichen aus der HuPfla wurden in der Universitätspathologie obduziert, dienten den Chirurgen zu Operationsversuchen und wohl auch im Anatomischen Institut zu Präparier-Übungen. War die HuPfla in der Weimarer Republik noch Wegbereiterin einer humanistischen Reformpsychiatrie gewesen, so durchdrangen nach der NS-Machtübernahme unter neuer Leitung Kriterien wie „lebensunwert“ und „Ballastexistenz“ den Behandlungsalltag. Arbeitsfähigkeit wurde mit dem Beginn des Zweiten Weltkriegs für Patient:innen notwendige, aber nicht hinreichende Voraussetzung für das Überleben. Bereits 1933 und 1936 waren die Verpflegungskostensätze für die Kranken der Anstalt reduziert worden. 1940-1941 wurden dann im Rahmen der sogenannten „T4-Aktion“ über 900 Kranke der Erlanger HuPfla in den Tötungsanstalten Pirna-Sonnstein und Hartheim ermordet. Der „Hungerkosterlass“ des Bayerischen Innenministeriums von 30. November 1942 mit der selektiven Verordnung einer weitgehend eiweiß- und fettfreien „B-Kost“ brachte zusammen mit anderen Formen struktureller Unterversorgung weiteren mindestens 700 bis 1.200 Kranken der HuPfla den Tod. Frewer zeigt auf, wie ein Verständnis von Kranken nicht als Subjekt, sondern als Objekt der Medizin dazu führte, dass die auch in der NS-Zeit geltenden Regeln für medizinische Studien mit Kranken in der Erlanger HuPfla ungestraft verletzt werden konnten, sei es für Dissertationen oder bei der erstmaligen Erprobung von Elektroschockanwendungen und mehreren Formen von unmoralischen Humanexperimenten. Kranken wurde in abgestufter Weise ihre menschliche Würde abgesprochen: „Nervenkranke“ waren mehr wert als „Geisteskranke“. Und falls die Anstaltspatient:innen als „unheilbar“ oder – meist auf Grund falscher wissenschaftlicher Annahmen – als „erblich“ eingestuft wurden oder nicht arbeitsfähig waren, bedeutete die ihnen dann verordnete „B-Kost“ ihre Auslöschung als „lebensunwert“. Die im Krieg notfallmäßig in der HuPfla untergebrachten Bewohner von zerstörten Blindenheimen waren dagegen bei der Verpflegung dem Personal gleichgestellt, wie Engelhardt rekonstruierte. Somit war die Hungerkost keineswegs bedingt durch eine in den letzten Kriegsjahren allgemein verschlechterte Ernährungssituation. Die Ermordung von „unwertem Leben“ sollte mit der dann möglichen Schließung von Pflegeeinrichtungen zu Einsparungen bei den Ausgaben für das öffentliche Gesundheitswesen führen. Erschreckend zeigt das Buch auf, wie die Leitung der HuPfla gerade die strukturelle Unterversorgung der anvertrauten Kranken als betriebswirtschaftlichen Pluspunkt betonte, um die eigene Einrichtung zu erhalten: gesenkte Verpflegungssätze, reduzierter Personalschlüssel, personelle Überbelegung. Mut machen dagegen bisher zu wenig beachtete Belege, wie manche Beschäftigte der HuPfla – von der Köchin, Pflegerin bis zur Ärztin – versuchten, Widerstand gegen die Implementierung der todbringende „B-Kost“ zu leisten.
Für das hervorragende und reich illustrierte Buch von Frewer und Engelhardt kann man der Erlanger Stadtgesellschaft und seiner Friedrich-Alexander-Universität nur gratulieren. Weit über die Lokalgeschichte hinausgehend stößt es ethische Reflexionen für das heutige Gesundheitswesen an. Es zeigt mit seinen verschiedenen Beiträgen modellhaft auf, wie ein Gedenkort in Erlangen ein für die Gesamtgesellschaft wichtiger Denk-Ort, ein Ort des Lernens und einer gegenwartsrelevanten ethischen Auseinandersetzung werden kann.