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Zugwind – Vom Leben einer jungen ukrainischen Hausärztin in Deutschland (Roman)

5. August 2026 durch
Zugwind – Vom Leben einer jungen ukrainischen Hausärztin in Deutschland (Roman)
Franziska Reuther

Autor/innen:
Iryna Fingerova

Bibliographische Daten:
Rowohlt Verlag, Hamburg, 1.Auflage 2026, 304 Seiten, 24,00 €, ISBN 978-3-498-00800-0

Rezensent/in:
Anke Kampmann,
Pflegeexpertin APN Herzinsuffizienz M.Sc.


Iryna Fingerova wurde 1993 in Odesa (Ukraine) geboren und lebt seit 2019 in Deutschland. Sie arbeitet als Hausärztin, Journalistin und Schriftstellerin. Ihre Erfahrungen in der medizinischen Versorgung ukrainischer Geflüchteter verleihen dem Roman eine besondere Authentizität und Glaubwürdigkeit und bilden zugleich den Hintergrund von Zugwind, in dem sie sich mit den Auswirkungen von Krieg, Flucht und Heimatverlust auseinandersetzt.

Im Mittelpunkt ihres Romans steht die ukrainische Hausärztin Mira Zehmann, die bereits seit längerer Zeit mit ihrer Familie in Deutschland lebt. Seit Kriegsbeginn behandelt sie zahlreiche Patientinnen und Patienten aus der Ukraine, von denen jede/r eine eigene, oft traumatische Geschichte mitbringt. Im Buch wechseln sich gegenwärtige Ereignisse mit ihren Rückblicken und Erinnerungen ab. Thematisiert werden unter anderem Flucht, Migration, familiäre Beziehungen, Identität und Heimatverlust sowie der Umgang mit psychischen Belastungen und Veränderungen. Neben der Perspektive der Protagonistin werden auch Begegnungen mit Patient*innen, Kolleg*innen sowie ihren Familienmitgliedern geschildert. So entsteht ein vielschichtiges Bild der Auswirkungen des Krieges auf das Leben der Betroffenen – sowohl in der Ukraine als auch in Deutschland.

Zugwind ermöglicht den Lesenden einen sehr persönlichen Zugang zu den psychosozialen Folgen von Krieg, Flucht und Migration. Die geschilderten Schicksale verdeutlichen eindrücklich den Zusammenhang zwischen gesundheitlichen Belastungen, biografischen Erfahrungen und traumatischen Erlebnissen sowie dem Verlust von Heimat, sozialen Beziehungen und Sicherheit.

Besonders überzeugend ist die Erzählweise der Autorin. Fingerova verzichtet auf dramatische Übertreibungen und beschreibt stattdessen die oft widersprüchlichen Gefühle Zehmanns mit großer Eindrücklichkeit. Für die Lesenden wird nachvollziehbar, wie Kriegserfahrungen auch über räumliche Distanz hinweg das Denken, Fühlen und Handeln von Menschen beeinflussen. Der Roman verdeutlicht anschaulich, dass Flucht mit der Ankunft in einem sicheren Land nicht endet, sondern häufig den Beginn eines langwierigen Anpassungs- und Verarbeitungsprozesses markiert.

Transfer in die berufliche Praxis

Fachkräfte im Gesundheitswesen werden heute in ihrem täglichen Berufsalltag zunehmend mit Menschen konfrontiert, die traumatische Erfahrungen von Krieg und Flucht mitbringen. Der professionelle Umgang mit dieser Zielgruppe erfordert neben fachlichem Wissen ein hohes Maß an Empathie sowie kultur- und traumasensibler Kompetenz. Für Gesundheitsfachkräfte bietet die Lektüre die Möglichkeit, die eigene professionelle Haltung zu reflektieren. Gleichzeitig verdeutlicht das Buch, dass hinter körperlichen Beschwerden häufig komplexe psychosoziale Belastungen stehen können, die in den Versorgungsprozess integriert werden sollten. Zugwind ersetzt natürlich keine gesundheitswissenschaftliche oder psychotraumatologische Fachliteratur. Lesende, die hier konkrete Handlungsempfehlungen oder evidenzbasierte Konzepte zur Versorgung traumatisierter Menschen erwarten, werden diese in einem Roman natürlich nicht finden. Der besondere Wert des Buches liegt vielmehr darin, Erfahrungen und Lebenswelten emotional nachvollziehbar zu machen

Gerade in Zeiten zunehmender Migration und einer wachsenden Zahl von Menschen mit Flucht- und Kriegserfahrungen kann Zugwind eine bereichernde Lektüre insbesondere für Fachkräfte im Gesundheitswesen sein. Der Roman fördert das Verständnis für die Lebensrealität betroffener Menschen und erinnert daran, dass professionelle Versorgung stets den ganzen Menschen mit seiner individuellen Geschichte in den Blick nehmen muss.

Fazit

Zugwind verbindet eine literarische Erzählung mit gesellschaftlich hochaktuellen Themen. Aus pflegefachlicher Sicht der Rezensentin trägt der Roman dazu bei, das Verständnis für Menschen mit Flucht- und Kriegserfahrungen zu vertiefen und die Wichtigkeit einer kultur- sowie traumasensiblen Pflege und Gesundheitsversorgung zu verdeutlichen. Er eignet sich insbesondere für ergänzende Lektüre, um die psychosozialen Dimensionen von Gesundheit, Krankheit und Migration aus einer persönlichen Perspektive kennenzulernen. Der besondere Wert des Romans liegt nicht in der Vermittlung von Fachwissen, sondern darin, Empathie zu fördern und den Blick für die individuellen Lebensgeschichten von Patient*innen zu schärfen.

Für Fachkräfte mit Haltung:

Mit Dr. med. Mabuse bleiben Sie nah an den Debatten rund um Gesundheit, Pflege, Politik und Gesellschaft – kritisch, unabhängig und verständlich.

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