
Autor/innen:
Andrea Futterer
Bibliographische Daten:
transcript Verlag, Bielefeld 2024, 311 Seiten , 49,00 €, ISBN 978-3-8376-7137-7
Jessica Mustin,
Hebamme, Bamberg
Dieses Buch ist die Dissertationsschrift und zugleich eine politikwissenschaftliche Studie aus dem Jahr 2024 von Andrea Futterer, die wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Politikwissenschaft in Tübingen ist. Die Autorin forscht zu sozialen Sicherungssystemen und öffentlicher Daseinsvorsorge. Sie ordnet den „Landarztmangel“ bewusst nicht als individuelles, sondern strukturelles Problem ein. Ihr Kernargument, das bereits am Untertitel erkennbar ist: Lokale Initiativen von Kommunen und Bürgermeistern zeigen zwar sehr viel Engagement, stoßen aber ohne formale Zuständigkeit an ihre Grenzen und können deshalb nur begrenzt zur Stabilisierung beitragen. Eine flächendeckende ärztliche Versorgung braucht strukturelle, überörtliche Interventionen. Dieses Buch ist relevant für alle Akteure, die sich mit diesem Thema auseinandersetzen: Gesundheitspolitiker, kommunale und Verwaltungsmitarbeiter.
Es ist in logisch aufeinander aufbauenden Kapiteln geschrieben und beginnt in den ersten beiden Kapiteln mit einem Überblick darüber, wie die heutige Situation der medizinischen Unterversorgung in den ländlichen Bereichen der Bundesrepublik entstanden ist und nennt die forschungsleitenden Fragen der Autorin. Sie beschreibt die Beschaffenheit des deutschen Gesundheitswesens und des ambulanten Sektors sowie einige der zahlreichen Reformen, die zur Regulierung gedacht waren und deren Instrumente oft zu kurz greifen. Das dritte Kapitel ist etwas abstrakter geschrieben, weil die Autorin hier klären muss, aus welcher Perspektive sie „den Staat“ und sein Verhältnis zur Zivilgesellschaft betrachtet – es liefert somit den theoretischen Rahmen ihrer Studie. Sie versteht „den Staat“ nicht als einheitlichen Akteur, sondern als ausdifferenziertes Gefüge, in dem Aufgaben an Dritte delegiert werden. Im vierten Kapitel beschreibt Andrea Futterer, welche Methoden sie für ihre Arbeit gewählt hat und was die Überlegungen dazu waren.
Sie arbeitet in diesem Buch mit der Politikfeldanalyse. Welche Faktoren wirken auf politische Inhalte und wie können Politikfelder gesteuert und deren Ergebnisse kontrolliert werden. Hierfür hat sie ihre Fallstudie durch eine ausführliche Recherche von Pressedatenbanken, der KBV und den Länder-KVen entwickelt, zahlreiche Positions-und Strategiepapiere sowie Pressematerial wissenschaftlich ausgewertet und 33 Interviews mit Akteuren vor Ort geführt und transkribiert. Das fünfte Kapitel untersucht anhand von sechs Fallbeispielen aus ländlichen Regionen unterschiedlicher Landesteile Deutschlands, wie sich ärztliche Versorgungsdefizite lokal politisieren und wie Kommunen ihnen zu begegnen versuchen. Die geografisch breit gestreute Fallauswahl – Nord bis Süd, Ost bis West – erlaubt einen Vergleich unter variierenden regionalen Ausgangsbedingungen. Trotz dieser Unterschiede laufen die sechs Zwischenfazite auf eine vergleichbare Kernaussage hinaus: Es gibt immer eine Vielzahl beteiligter Akteure, die Prozesse ziehen sich oft über lange Zeiträume und die Bilanz fällt gemischt aus.
Die Autorin nimmt sich vor, die Hindernisse lokaler Bekämpfungsstrategien des Landarztmangels zu beleuchten – und genau das gelingt ihr überzeugend. Die sechs Fallstudien machen die Vielzahl der Akteure, die Langwierigkeit der Prozesse und die gemischte Erfolgsbilanz greifbar. Die daraus abgeleitete Forderung nach strukturellen statt rein lokalen Interventionen ist folgerichtig, wenn auch -–wie jede politische Schlussfolgerung aus empirischen Material – eine Wertung, der man sich anschließen kann, aber nicht muss.
Was der Rezensentin an diesem Buch besonders gefallen hat, ist die klare Fragestellung und gut gegliederte Bearbeitung. Auch die geografisch breit gestreute Fallauswahl und die dazugehörigen Interviews ist sehr gelungen. Diese Dissertation belohnt mit einer klaren analytischen Perspektive. Die theoretisch dichten Passagen verlangen allerdings etwas Einarbeitung, wenn man nicht so häufig mit wissenschaftlichen Texten und Begriffen arbeitet.