
Autor/innen:
Christiane Eichenberg, Henrik Bischoff und Julian Krusche
Bibliographische Daten:
Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2026, 224 Seiten, 26,00 €, ISBN 978-3-608-98936-6
Dr. med. H. Schaaf
Ltd. Oberarzt, Tinnitus Klinik Dr. Hesse
Psychotherapie
Was lange Zeit kaum vorstellbar erschien, geschieht nun doch und das rasend schnell: Die KI hält Einzug – auch in die psychotherapeutische Beziehung. Schufen sich die sog. DiGAs (Digitale Gesundheitsanwendungen) schon mal Platz im Vorzimmer der Psychotherapie, betreten Bots nun interaktiv den heiligen Raum der psychotherapeutischen Praxis. Versprochen wird das Schließen von Versorgungslücken – rund um die Uhr – für die, die Zugang zum Internet haben.
Für die Psychotherapeut*innen steht im Wartezimmer der Versuchung die Abnahme lästiger Dokumentations- und Schreibarbeiten. Es winken verlockende Angebote, auch noch die Reflexions- und Denkarbeit, etwa für Anamnesen, Kasuistiken oder Anträge an die Kasse (eine Verhaltensanalyse oder eine Psychodynamik) zu „unterstützen“ – oder gar abzunehmen. Bleibt noch die fundamentale Frage: Kann die Künstliche Intelligenz vielleicht auch noch den Menschen im therapeutischen Prozess unterstützen oder gar ersetzen?
Die in Wien an der Sigmund-Freud-Universität schon lange zum Thema „Internet“ Arbeitenden beleuchten den Prozess aus verschiedenen Blickwinkeln – von der KI-gestützten Diagnostik über Chatbots und virtuelle Realitäten in der Behandlung bis hin zu Ausbildungs- und Forschungsfragen. Sie geben einen Überblick mit Realitätsbezug über die technischen Möglichkeiten von den ersten Schritten bis jetzt. Dabei verknüpfen sie technisches Know-how (wie die Funktionsweise von Sprachmodellen) verständlich mit konkreten klinischen Anwendungsbeispielen.
Sie stellen – grundsätzlich KI-affin – Chancen und Potenziale dar, etwa wie die DiGAs ihren Platz im ambulanten Versorgungsbereich eingenommen haben. Auch können schon heute, so Eichenberg, Chatbots wie „WoeBot“ oder „Therabot“ als niederschwellige Hilfe bei milden Symptomen eine Reduktion von depressiven und ängstlichen Symptomen ermöglichen.
Ob KI-Bots auch zwischenmenschlich therapeutische Beziehungen, also den stärksten Wirkfaktor in der Psychotherapie, reproduzieren können, möchte der Rezensent auch nach Lektüre des Buches gerne weiter bezweifeln. KI-Systeme operieren auf der Basis statistischer Mustererkennung, nicht auf echtem Einfühlungsvermögen oder gar emotionalen Mitgefühl. Deshalb stoßen sie trotz ihrer wachsenden Leistungsfähigkeit an Grenzen, wo menschliche Empathie, situatives Feingefühl und komplexes Beziehungsverständnis gefragt sind. Es fehlen die persönlichen, zwischenmenschlichen Erfahrungen, die unter die Haut gehen, auch wenn das durch pseudoempathische Äußerungen verdeckt werden kann. Das wird vielleicht noch perfektioniert, wenn die Patient*innen mit einer Gesichts- und Mimik-Erkennung aufgenommen und dabei der Puls und der Hautwiderstand gemessen werden.
Trotzdem steigt die Beliebtheit der KI-Bots bei den Patient*innen, zumindest bei den Anwender*innen, die darüber berichten können. Wie zu Plüsch- und Haustieren, verschollen auf einer Insel ggf. auch zu einem Fußball und schon vor Jahrzehnten zu Tamagotchis, entstehen menschlich anmutende, gefühlte Beziehungen auch zum KI-Bot, selbst wenn er noch nicht in einem Menschennachbau steckt, wie in dem Film „Ich bin dein Mensch“ von Maria Schrader dargestellt wird. So nehmen schon jetzt KI-Bots die Rolle eines präsenten Dritten in der therapeutischen Beziehung ein. Das ist etwas anderes als eine bei psychodynamisch arbeitenden Therapeut*innen anzustrebende Triangulierung, eher so etwas wie „ich bringe meinen schlauen Bruder oder meine skeptische Partnerin“ mit. Weder die/der Therapeut*in noch die/der Patient*in weiß dabei wirklich, was in der „Blackbox“ der KI enthalten ist, wenn auch am wahrscheinlichsten eine Sammlung des – vielleicht sogar leitliniengerechten – Durchschnitts. Dabei darf und muss gefragt werden, wer in welchem Interesse weiter sammelt und auswertet. Das betrifft nicht nur den Datenschutz, auch wenn das meiste inzwischen freiwillig und arglos in die „sozialen Medien“ eingespeist wird. Es betrifft auch die Einengung des Wissens auf ein Mittelmaß.
So darf bei Psychotherapeut*innen nach wie vor Skepsis bleiben, wobei sich diese durchaus aufteilt zwischen Verhaltenstherapeut*innen und Psychodynamikern, zwischen jungen und älteren, Klinikbetreibern und Niedergelassenen, Kolleg*innen mit muttersprachlichen Deutschkenntnissen und denen, die Unterstützung brauchen können.
Ob die KI tatsächlich die Arbeitsbelastung verringert, wenn sie den Schreibverkehr auf ein statistisches Mittelmaß bringt, dafür aber die Arbeitszeit an Patient*innen verdichtet, scheint dem Rezensenten fraglich. Wollen und können wir wirklich sechs von acht Stunden am und mit Patient*innen arbeiten? Nutzen wir die Zeit dann nicht lieber zum Nachdenken, selbst wenn es um die Formulierung von Behandlungsplänen geht? Es geht auch um die Bewahrung kognitiver Kompetenz statt deren drohender Atrophie.
Sicher ist, dass sich die KI nicht mehr aufhalten lässt; sicher ist auch, dass KI-Gesundheits-Bots nicht nur aus altruistischen Gründen geschaffen werden, sondern dem Gewinn der Betreiber dienen.
Dieses Buch ermöglicht es, die eigene Haltung gegenüber KI-Chatbots zu reflektieren, sowie Risiken und Chancen besser einzuschätzen und auch zu überlegen, inwieweit man positiv Einfluss auf den Prozess nehmen kann. Es richtet sich an (werdende) Psychotherapeut*innen, die weder in blinde Technik-Euphorie verfallen noch (anders als der Rezensent: alt; psychodynamisch ausgerichtet; skeptisch) die Augen vor dem technologischen Wandel verschließen möchten.
Mit anderen Worten: eine hochaktuelle, ausgewogene und gut lesbare Bestandsaufnahme zur richtigen Zeit.