
Autor/innen:
Astrid Steinmetz
Bibliographische Daten:
Carl-Auer Verlag, Heidelberg, 1. Auflage 2026 (Reihe „Fachbücher für jede:n“), 200 Seiten, 27,95 €, ISBN 978-3-8497-0619-7
Tatjana Wein,
B.A. Pflegemanagement, Studentin im Masterstudiengang Perimortale Wissenschaften
Mit dem Lebensende verbinden die meisten Menschen Schmerz, Verlust und Angst, kaum jemand denkt dabei an Glück im eigentlichen Sinn. Auch im Pflegealltag findet Sterbebegleitung oft zwischen Symptomkontrolle, Dokumentation und Zeitdruck statt. Dass Sterbende ein Recht auf würdevolles Leben bis zum Tod haben, ist dank der Hospiz- und Palliativbewegung längst im Versorgungssystem angekommen. Was die letzte Lebensphase aber lebenswert macht, wird in einer alternden Gesellschaft und vor dem Hintergrund der Debatte um die Suizidassistenz zu einer immer dringlicheren Frage. Astrid Steinmetz nimmt sie auf und schaut bewusst auf die Momente von Nähe und Leichtigkeit, die auch am Ende noch möglich sind.
Dr. phil. Astrid Steinmetz ist Musiktherapeutin, Sozialpädagogin und Gerontologin. Seit 1999 begleitet sie schwerstkranke und sterbende Menschen im Ricam Hospiz Berlin. Promoviert hat sie über nonverbale Interaktion mit demenzkranken und palliativen Patient:innen. Aus dieser Arbeit ging das Schulungskonzept „Kommunikation ohne Worte“ (KoW®) hervor, mit dem sie Beschäftigte in Gesundheitsberufen fortbildet.
Das Buch beruht auf rund 2.000 Begegnungen aus mehr als 26 Jahren Hospizarbeit, die Geschichten sind anonymisiert und laut Autorin „in ihrer Essenz verdichtet“ (S. 16). Entstanden ist der Band im Rahmen eines gleichnamigen Projekts mit Ausstellung und multimedialen Lesungen, welches das brandenburgische Gesundheitsministerium aus Lottomitteln gefördert hat. Die Bilder haben Hospizgäste unter Anleitung der Kunsttherapeutin Roxane Pieper gemalt, die Musik entstand zusammen mit Livio Picotti und Daniel Conte.
Auf zwei Vorworte des Palliativmediziners H. Christof Müller-Busch und des Gerontologen Andreas Kruse folgt die Einleitung der Autorin. Den Hauptteil bilden 71 Geschichten in 13 thematischen Kapiteln, die vom „Neubeginn bis zuletzt“ über Gemeinschaft, Sinneserfahrungen, kreatives Tun und Humor bis zum Rückblick auf das gelebte Leben reichen. Jedes Kapitel eröffnet eine Einleitung, die wichtige Momente der folgenden Geschichten zusammenfasst. Die Geschichten selbst sind meist ein bis drei Seiten lang, in der Ich-Form aus Sicht der Therapeutin erzählt und enden jeweils mit einem Reflexionsimpuls. Dazu kommen 26 Bilder von Patient:innen und neun Musikstücke, die sich per QR-Code bei Vimeo abrufen lassen. Ein Nachwort der Psychologin Judith Mangelsdorf aus Sicht der Positiven Psychologie schließt den Band ab.
Erfahrungsberichte aus der Sterbebegleitung sind kein neues Genre. Bronnie Wares „5 Dinge, die Sterbende am meisten bereuen“ hat ebenso ein breites Publikum gefunden wie „With the End in Mind“ der britischen Palliativmedizinerin Kathryn Mannix. Während Ware aus ihren Begegnungen allgemeine Lebenslektionen ableitet, bleibt Steinmetz nah an der einzelnen Situation und erzählt aus einer therapeutischen Praxis, in der Musik und nonverbale Kommunikation eine große Rolle spielen. Neu sind vor allem die Verbindung von Text, Bild und Musik und der konsequente Blick auf Ressourcen statt auf Defizite. Besonders gelungen ist, dass die Autorin auch ihr eigenes Vorgehen offenlegt. Einem Mann, der seine Tochter seit zehn Jahren nicht mehr gesehen hat, bietet sie an, gemeinsam einen Brief an sie zu schreiben (S. 24 f.). Mit einer atemnötigen Frau summt und singt sie, damit diese sich selbst beruhigen kann (S. 93). Solche kleinen Interventionen lassen sich gut übertragen: Pflegende erleben ähnliche Situationen ständig, haben aber selten Zeit, sie so bewusst zu gestalten.
Angehörige finden in dem Buch Ermutigung und Ideen für die eigene Begleitung, Pflegende und Ehrenamtliche Anregungen für eine aufmerksame Zuwendung, die auch ohne Worte auskommt. In Palliative-Care-Kursen, in der Pflegeausbildung und in Qualifizierungskursen für ehrenamtliche Hospizbegleiter:innen eignen sich einzelne Geschichten mit ihrem Reflexionsimpuls gut, um über die eigene Haltung ins Gespräch zu kommen. Im Lernfeld Kommunikation eines solchen Qualifizierungskurses für Hospizbegleitende veranschaulicht etwa die Geschichte „Der eigene Weg“ (S. 59 f.) samt Reflexionsfrage hervorragend, wie man Bedürfnisse erkennt, benennt und angemessen darauf eingeht. Die Autorin fasst das Thema weit. Der Erfahrungshintergrund ist dagegen schmal, denn alle Geschichten stammen aus einem einzigen stationären Hospiz und aus dem Blickwinkel einer einzigen Therapeutin.
Der Verlag verspricht, zu zeigen, wie viel Würde, Verbundenheit und Liebe in der letzten Lebensphase möglich sind. Dieses Versprechen löst das Buch ein, und zum Nachdenken regt es tatsächlich an. Weil die Geschichten kurz sind, lässt es sich gut in Etappen lesen. Die Kapiteleinleitungen helfen bei der Orientierung, und das Inhaltsverzeichnis bleibt trotz der poetischen Titel übersichtlich. Die Gestaltung ist ruhig, die Bilder geben Raum zum Innehalten. Grafiken oder Schaubilder gibt es nicht, bei einem Buch dieser Art vermisst man sie aber auch nicht.
Kritisch anzumerken ist, dass ein Buch mit dem Titel „Glücksmomente“ zwangsläufig Begegnungen auswählt, die gelungen sind. Die Autorin räumt zwar ein, dass Schmerz, Verlust und Angst zur Realität gehören (S. 15). Wer beruflich mit Sterbenden zu tun hat, weiß aber, dass viele Verläufe weniger versöhnlich ausgehen, als die Sammlung vermuten lässt. Leser:innen aus der (Pflege-)Wissenschaft sollten die Geschichten auch nicht als empirische Belege verstehen. Sie sind literarisch verdichtet (S. 16), und obwohl die Autorin wissenschaftliche Studien anspricht (S. 15), enthält das Buch kein Literaturverzeichnis. Formal fällt auf, dass die Einleitung die Lesenden siezt (S. 16), während die Reflexionsimpulse sie duzen (z. B. S. 166 f.). Außerdem sind im Inhaltsverzeichnis (S. 7) sowohl Kapitel 13 als auch die Geschichte „Lebensentwurf“ mit S. 183 angegeben. Beides ließe sich in einer zweiten Auflage leicht korrigieren.
Fazit: „Glücksmomente“ ist ein ruhiges, sorgfältig zusammengestelltes Lesebuch, das einen anderen Blick auf das Lebensende eröffnet. Es schafft Raum für Gedanken, Erinnerungen und Trost, aber auch für die Hoffnung auf Glücksmomente bis zuletzt. Empfehlenswert ist es für Pflegende und Ehrenamtliche in der Hospiz- und Palliativversorgung, Lehrende in der Pflegeausbildung und in der Qualifizierung von Hospizbegleiter:innen, die Material für Reflexionsübungen suchen, sowie Angehörige, die einen sterbenden Menschen begleiten. Wer evidenzbasierte Handlungsempfehlungen oder eine systematische Einführung in die Kommunikation am Lebensende sucht, greift besser zu einem anderen Buch.