Prävention soll nach dem Willen führender Wissenschafts- und Gesundheitsorganisationen künftig in allen Politikfeldern stärker berücksichtigt werden. Die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina, der Wissenschaftsrat, das Deutsche Krebsforschungszentrum (DKFZ) und die Deutsche Krebshilfe fordern in einer gemeinsamen Stellungnahme eine ressortübergreifende Strategie.
Angesichts des demografischen Wandels, wachsender Belastungen für das Gesundheitssystem und der wissenschaftlich belegten Wirksamkeit vieler Präventionsmaßnahmen müsse Prävention als Investition verstanden werden – in Gesundheit und gesellschaftliche Teilhabe ebenso wie in wirtschaftliche Leistungsfähigkeit und die langfristige Stabilität des Gesundheitssystems.
Bei einem parlamentarischen Abend der vier Organisationen am 8. September 2026 in Berlin diskutierten deren Präsident:innen und Vorsitzende mit Vertreter:innen aus Bundesregierung, Bundestag, Ländern, Gesundheitsselbstverwaltung und Wissenschaft über die Voraussetzungen für einen gesamtgesellschaftlichen Wandel. In einem gemeinsamen Statement benennen die Organisationen zentrale Handlungsfelder.
Prävention in allen Politikbereichen berücksichtigen
Gesundheit werde nicht allein im Gesundheitswesen gestaltet. Prävention müsse deshalb zu einer gemeinsamen Aufgabe aller relevanten Ressorts werden. Dazu gehörten unter anderem Bildung, Arbeit, Verkehr, Stadtentwicklung, Umwelt und Soziales.
Zugleich müsse die Präventionsforschung besser vernetzt werden. Dafür sei die Zusammenarbeit verschiedener Fachrichtungen ebenso erforderlich wie ein engerer Austausch mit Praxis, Politik und Gesundheitswesen.
Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf den Lebensbedingungen. Ob in Kindertagesstätten und Schulen, am Arbeitsplatz, im Wohnumfeld oder in der Pflege: Die jeweiligen Rahmenbedingungen beeinflussen die Gesundheit. Prävention müsse daher in den alltäglichen Lebenswelten ansetzen und gesundheitsförderliche Bedingungen zum Standard machen.
Darüber hinaus sollen Menschen besser dazu befähigt werden, Entscheidungen für ihre Gesundheit zu treffen. Gesundheitsinformationen müssten verständlich, alltagsnah und leicht zugänglich sein. Gesundheitskompetenz und entsprechende Bildungsangebote sollten früh beginnen und über die gesamte Lebensspanne hinweg gestärkt werden.
Prävention als politische Zielgröße
„Prävention ist von zentraler Bedeutung, nicht nur für ein möglichst gesundes langes Leben, sondern auch zur Stabilisierung unseres Gesundheitssystems“, sagte Prof. Dr. Bettina Rockenbach, Präsidentin der Leopoldina. Viele Faktoren, die Krankheiten verhindern und Gesundheit fördern könnten, seien wissenschaftlich gut untersucht. Was fehle, sei eine gemeinsame Strategie für die konsequente Umsetzung.
Prof. Dr. Michael Baumann, Vorstandsvorsitzender des DKFZ, verwies auf das Potenzial der Krebsprävention. Nach heutigem Wissensstand wären rund 40 Prozent aller Krebsneuerkrankungen vermeidbar. Dennoch gelinge es bislang nicht, dieses Wissen ausreichend in die Anwendung zu bringen.
Das Nationale Krebspräventionszentrum, das das DKFZ gemeinsam mit der Deutschen Krebshilfe aufbaut, soll dazu beitragen, diese Lücke zu schließen. Baumann sieht darin zugleich ein mögliches Modell für andere vermeidbare Volkskrankheiten wie Diabetes, Demenz und Herz-Kreislauf-Erkrankungen.
„Hinter jeder verhinderten Krebserkrankung steht ein Mensch, dem Leid, belastende Therapien und oft auch existenzielle Ängste erspart bleiben“, betonte Prof. Dr. Rita Schmutzler, Präsidentin der Deutschen Krebshilfe. Prävention bedeute deshalb mehr Lebensqualität, mehr Lebenszeit und mehr Gesundheit. Dafür brauche es eine verbindliche politische Koordination.
Auch Prof. Dr. Wolfgang Wick, Vorsitzender des Wissenschaftsrats, fordert einen gesundheitsorientierten Kulturwandel. Prävention müsse gegenüber einer ausschließlichen Reparaturmedizin stärker in den Vordergrund rücken. Gesundheit solle in allen Politikfeldern als verbindliche Zielgröße ressortübergreifenden Handelns verankert werden.
Verhältnis- und Verhaltensprävention zusammendenken
Die vier Organisationen appellieren an die politischen Entscheidungsträger:innen, die Voraussetzungen für eine wirksame und nachhaltige Präventionspolitik zu schaffen. Notwendig sei ein gesellschaftlicher Wandel, der Maßnahmen zur Verbesserung der Lebensverhältnisse mit der Unterstützung individueller gesundheitsförderlicher Entscheidungen verbindet.
Von einer solchen Strategie könnten nach Einschätzung der Organisationen nicht nur Gesundheit und Lebensqualität der Bevölkerung profitieren. Auch die Innovations- und Leistungsfähigkeit Deutschlands insgesamt würden gestärkt.
Das gemeinsame Statement ist hier abrufbar.
Zur Pressemitteilung: https://www.krebshilfe.de/informieren/presse/pressemitteilungen/gesundheitspraevention-geht-alle-ministerien-an/