Mit einer ungewöhnlichen Protestaktion macht die Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft (ver.di) auf drohende Verschlechterungen in der Altenpflege aufmerksam. Seit Sonntag, dem 30. August 2026, laufen Beschäftigte aus Pflegeeinrichtungen mit einem Pflegebett von Magdeburg zum Deutschen Bundestag nach Berlin. Die Strecke beträgt 204 Kilometer.
„In vielen Einrichtungen müssen Beschäftigte jeden Tag an ihre Grenze gehen, um die Versorgung aufrechtzuerhalten“, erklärte ver.di-Bundesvorstandsmitglied Sylvia Bühler zum Auftakt. Mit dem Pflegebett wollten die Beschäftigten den politisch Verantwortlichen verdeutlichen, was durch den Referentenentwurf zum Pflegeneuordnungsgesetz auf dem Spiel stehe. Der Entwurf müsse grundlegend überarbeitet werden.
Die Aktion richtet sich unter anderem gegen die geplante Aussetzung der Tariflohnpflicht und die aus Sicht der Gewerkschaft unzureichende Refinanzierung von Tariferhöhungen. Altenpfleger und Betriebsrat Johannes Hermann, einer der Initiatoren, warnt davor, bereits erreichte Verbesserungen bei den Arbeitsbedingungen wieder zurückzunehmen.
„Wir haben in den vergangenen Jahren viel getan, um die Arbeit in der Altenpflege attraktiver zu machen“, sagte Hermann, der ehrenamtlich den ver.di-Fachbereich Gesundheit, Soziale Dienste, Bildung und Wissenschaft leitet. „Für die pflegebedürftigen Menschen und die Beschäftigten wäre es fatal, das nun wieder zurückzudrehen.“
Darüber hinaus protestiert ver.di gegen die geplante Kürzung von Zuschüssen für Bewohner:innen von Pflegeeinrichtungen.
Gewerkschaft fordert nachhaltige Finanzierung
Sylvia Bühler kritisiert die geplanten Einschnitte als Widerspruch zu den angekündigten Reformvorhaben der Bundesregierung. „Die Bundesregierung hat mutige Reformen angekündigt“, sagte sie. „Doch Kürzungen bei einer der schwächsten Gruppen unserer Gesellschaft und denen, die sie pflegen und versorgen, sind nicht mutig, sondern armselig.“
Nach Auffassung der Gewerkschaft muss die Pflegeversicherung dringend zukunftsfest aufgestellt werden. Dafür sei vor allem eine solide und dauerhafte Finanzierung notwendig. Versicherungsfremde Leistungen – etwa Ausgaben im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie und die Rentenversicherung für pflegende Angehörige – müssten aus Steuermitteln finanziert werden.
„Das würde die Pflegeversicherung um viele Milliarden Euro entlasten und Beitragserhöhungen vermeiden“, erklärte Bühler. Zusätzlich fordert ver.di einen Finanzausgleich zwischen gesetzlicher und privater Pflegeversicherung. Dadurch könnten bestehende Ungleichheiten abgebaut werden.
Beiträge sollten nach Ansicht der Gewerkschaft auf alle Einkommensarten erhoben werden, darunter auch hohe Mieteinnahmen und Aktiengewinne. Auf dieser Grundlage könne eine bedarfsgerechte Pflege langfristig für alle gesichert werden.
Solidarische Pflegegarantie als Ziel
Ver.di spricht sich dafür aus, die Pflegeversicherung zu einer Vollversicherung weiterzuentwickeln, die sämtliche pflegebedingten Kosten übernimmt. Eine solche solidarische Pflegegarantie könne verhindern, dass Menschen nach einem langen Arbeitsleben bei Pflegebedürftigkeit auf Sozialhilfe angewiesen sind.
„Eine Solidarische Pflegegarantie würde dafür sorgen, dass Menschen nach einem langen Arbeitsleben nicht mehr den Gang zum Sozialamt antreten müssen. Und sie wäre eine dringend nötige Entlastung der Kommunen, die schon heute in erheblichem Maße mit Hilfen zur Pflege einspringen müssen“, sagte Bühler. Der Deutsche Städtetag hatte sich zuletzt ebenfalls für eine entsprechende Weiterentwicklung ausgesprochen.
Proteste zeigen erste Wirkung
Der langjährig in der Altenpflege tätige Gewerkschafter Hans-Jürgen Schneider aus Moers, der die Aktion ebenfalls initiiert hat, sieht Chancen, die Pläne der Bundesregierung noch zu verändern. Als ersten Erfolg der seit Wochen laufenden Proteste wertet er, dass die Rentenbeiträge für pflegende Angehörige nun offenbar doch nicht gekürzt werden sollen.
„Wir machen Druck, damit Menschen bei Pflegebedürftigkeit gut abgesichert sind und wir Beschäftigte in der Altenpflege zu guten Bedingungen arbeiten können. Dafür ist uns kein Weg zu weit“, sagte Schneider.
Mit dem Marsch von Magdeburg nach Berlin wollen die Beschäftigten bis zum Bundestag auf die Folgen der geplanten Reform aufmerksam machen und ihre Forderungen nach verlässlicher Finanzierung, guten Arbeitsbedingungen und einer umfassenden Absicherung bei Pflegebedürftigkeit bekräftigen.
Hier finden Sie weitere Informationen zur Strecke & Umsetzung der Aktion.
Zur Pressemitteilung: https://www.verdi.de/presse/pressemitteilungen/pflegekraefte-laufen-pflegebett-magdeburg-nach-berlin-aktion-fuer-grundlegende-nachbesserungen