Sprachliche Missverständnisse und unterschiedliche Vorstellungen von Krankheit und Behandlung können Diagnosen verzögern und zu Fehlbehandlungen führen. Ein Lehrprojekt der Universitätsmedizin Würzburg soll angehende Ärzt:innen und Hebammen deshalb besser auf eine kultursensible Kommunikation vorbereiten. Das über drei Semester angelegte Konzept wird von der Stiftung Innovation in der Hochschullehre (StIL) im Programm „Freiraum“ mit knapp 400.000 Euro gefördert.
Seit dem Wintersemester 2025 nehmen Medizinstudierende ab dem achten Semester sowie Studierende der Hebammenwissenschaften ab dem dritten Semester an dem neuen Pflichtcurriculum teil. Vermittelt werden Kenntnisse und praktische Fähigkeiten für den Umgang mit Sprachbarrieren, kulturellen Unterschieden und verschiedenen Gesundheits- und Krankheitsvorstellungen.
„Gelingende Kommunikation verbessert nicht nur das Vertrauensverhältnis zwischen Behandelnden und Patientinnen und Patienten, sondern kann auch dazu beitragen, unnötige Diagnostik, Fehlbehandlungen und langwierige Behandlungspfade zu vermeiden“, erklären die Projektleiterinnen Prof. Dr. Anne Simmenroth und Dr. Janina Zirkel vom Institut für Allgemeinmedizin.
Online-Module und praktische Übungen
Das Lehrkonzept beginnt mit drei interaktiven Online-Modulen. Zunächst setzen sich die Studierenden mit den Auswirkungen sprachlicher und interkultureller Barrieren auf die Gesundheitsversorgung auseinander. Anschließend geht es um interkulturelle Kommunikation, Gesundheitskompetenz und Diskriminierung. Dabei reflektieren die Teilnehmenden auch, wie die eigene Sozialisation den Blick auf andere Menschen prägt und wie Vorurteile erkannt und hinterfragt werden können.
Ein weiteres Modul bereitet auf die praktischen Übungen vor. Thematisiert werden unterschiedliche Möglichkeiten der Sprachmittlung, darunter professionelle Dolmetschdienste, Laiendolmetschende und Übersetzungs-Apps. Dabei geht es auch um Fragen der Schweigepflicht und des Datenschutzes. In der ambulanten Versorgung werden die Kosten für professionelle Sprachmittlung in der Regel nicht von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen.
Im Praxismodul führen die Studierenden Anamnesegespräche mit fremdsprachigen Schauspielpatient:innen. Diese werden von Schüler:innen der Würzburger Dolmetscherschule dargestellt. Die Gespräche finden einmal mit einer Übersetzungs-App und einmal mit menschlicher Sprachmittlung statt. Anschließend werden die Erfahrungen gemeinsam ausgewertet.
„Die Apps übersetzen oft totalen Unsinn“, berichtet Janina Zirkel. In den Rollenspielen führten fehlerhafte Übersetzungen teilweise dazu, dass wesentliche Beschwerden nicht richtig verstanden oder wichtige Fragen nicht gestellt wurden. Während Behandelnde den Eindruck hatten, das Gespräch verlaufe problemlos, fühlten sich Patient:innen mitunter nicht ernst genommen.
Auch der Einsatz von Laiendolmetschenden müsse sorgfältig vorbereitet werden, betont Anne Simmenroth. In einem Vor- und Nachgespräch sollten unter anderem Schweigepflicht, Gesprächsregeln und der genaue Ablauf geklärt werden. Das Gesagte müsse möglichst wortgetreu und ohne eigene Interpretation wiedergegeben werden. „Wir reden nicht über den Patienten, sondern mit dem Patienten“, so Simmenroth.
Zusätzlich sei es wichtig, kulturelle Besonderheiten und nonverbale Signale zu berücksichtigen. So könne beispielsweise ein Kopfschütteln je nach kulturellem Kontext nicht unbedingt Ablehnung ausdrücken.
Sensible Kommunikation kommt allen Patient:innen zugute
Das Projekt richtet sich nicht ausschließlich auf die Behandlung von Menschen mit Migrationsgeschichte. Auch Patient:innen ohne Migrationserfahrung können unterschiedliche Vorstellungen von Krankheit, Therapie und medizinischen Entscheidungen haben. Eine sichere Anamnese erfordert deshalb die Bereitschaft, die jeweilige Lebensrealität zu verstehen und die richtigen Fragen zu stellen.
„Gute Medizin beginnt damit, diese Perspektiven zu verstehen und sich in die Lebensrealität der Patientin oder des Patienten hineinzuversetzen“, sagt Anne Simmenroth. Ziel sei eine empathische, diversitätssensible und zugleich fachlich sichere Kommunikation.
Die bisherigen Evaluationen zeigen, dass die Studierenden ihre Fähigkeiten durch die Übungen deutlich erweitern konnten. Nach dem Kurs stieg ihre Kompetenz, eine diversitätssensible Anamnese zu führen, signifikant von einem niedrigen auf ein hohes Niveau. Fast alle Teilnehmenden bewerteten die Inhalte als sehr praxisrelevant.
Verstetigung über das Projekt hinaus
Sprachbarrieren, unterschiedliche Gesundheitsvorstellungen und kulturell geprägte Kommunikationsmuster gehören in Kliniken und Praxen längst zum Alltag. Im Medizinstudium werden sie bislang jedoch nur selten systematisch behandelt. Das Würzburger Lehrprojekt soll diese Lücke schließen.
Die Förderung endet im Frühjahr 2027. Das Projektteam möchte die Inhalte anschließend dauerhaft im Curriculum verankern und schrittweise auf weitere Berufsgruppen ausweiten. Von kultursensibler Kommunikation können neben Ärzt:innen und Hebammen auch Pflegefachpersonen, therapeutische Berufe und bereits tätige Mediziner:innen profitieren. Multiplikator:innen aus den verschiedenen Berufsgruppen sollen die erworbenen Kompetenzen künftig in die tägliche Versorgung tragen.
Zur Pressemitteilung: https://www.ukw.de/medien-kontakt/presse/pressemitteilungen/detail/news/besser-verstehen-sicherer-behandeln-wuerzburg-trainiert-kultursensible-medizin/
Originaltext von Kirstin Linkamp / Wissenschaftskommunikation Universitätsklinikum Würzburg