Pandemien hinterlassen nicht nur gesundheitliche Folgen. Auch soziale Beziehungen, gesellschaftliche Teilhabe und das Vertrauen in Politik und Wissenschaft können langfristig beeinträchtigt werden. Ein neues Positionspapier des Bundesministeriums für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) fasst Erkenntnisse aus der Corona-Pandemie zusammen und entwickelt Empfehlungen für den Umgang mit künftigen Gesundheitskrisen. Koordiniert wurde das Papier von der Universität Greifswald.
Beteiligt sind 14 Forschungsprojekte, darunter das Greifswalder Projekt StiPEx. Es untersucht, wie Stigmatisierung im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie entsteht, welche Folgen sie für Betroffene und die Gesellschaft hat und mit welchen Maßnahmen ihr künftig besser vorgebeugt werden kann.
„Eine zentrale Lehre aus der Pandemie ist, dass Krisenkommunikation immer auch soziale Folgen hat“, sagt Prof. Dr. Samuel Tomczyk. Er startete das StiPEx-Projekt 2023 am Institut für Psychologie der Universität Greifswald und begleitete es als Projektleiter. Seit Oktober 2025 ist er Direktor des Instituts für Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie der Universitätsmedizin Rostock.
Krisenkommunikation müsse daher nicht nur danach beurteilt werden, welche Informationen Menschen erreichten. Ebenso wichtig sei, wie diese Informationen verarbeitet würden und welche Zuschreibungen oder Vorurteile daraus entstehen könnten. Stigmafreie Kommunikation und stigmareduzierende Ansätze sollten deshalb von Beginn an Bestandteil des Krisenmanagements sein.
Stigmatisierung betrifft viele Gruppen
„Stigmatisierung ist kein Randphänomen einer Pandemie, sondern kann langfristige gesellschaftliche Folgen haben“, betont Tomczyk. In einer repräsentativen Erhebung des Projekts zeigten mehr als 20 Prozent der Befragten über mehrere Jahre hinweg stigmatisierende Einstellungen im Zusammenhang mit COVID-19.
Betroffen sein können unter anderem Menschen mit einem erhöhten Risiko für schwere Krankheitsverläufe, Beschäftigte im Gesundheitswesen, jüngere und ältere Menschen, Personen in sozial benachteiligten Lebenslagen sowie Menschen mit Long COVID.
Während der Pandemie berichteten beispielsweise Pflegefachpersonen, dass Angehörige und Freund:innen aus Angst vor einer Ansteckung den Kontakt zu ihnen vermieden. Dies geschah unabhängig davon, ob die Pflegefachpersonen selbst infiziert waren. Die Folgen reichten von Enttäuschung und Einsamkeit über psychosomatische Beschwerden bis zu sozialen Konflikten und familiären Spaltungen. Teilweise bestehen Auswirkungen wie soziale Isolation bis heute fort.
Monitoring und Beteiligung Betroffener
Die Forschenden empfehlen, Stigmatisierung in künftigen Gesundheitskrisen systematisch zu erfassen. Ein kontinuierliches Monitoring könne früh sichtbar machen, welche Gruppen in welchem Ausmaß betroffen sind. Daraus könnten Hinweise für geeignete stigmareduzierende Maßnahmen gewonnen werden.
Vertrauenswürdige Institutionen sollten verlässliche Informationen bereitstellen, Fehlinformationen aktiv entgegentreten und stigmareduzierende Botschaften in die Gesundheitskommunikation integrieren. Betroffene müssten stärker an der Entwicklung und Umsetzung entsprechender Maßnahmen beteiligt werden.
„Wir sollten Stigmatisierung in der Krisenvorsorge ähnlich selbstverständlich berücksichtigen wie das Infektionsgeschehen selbst“, erklärt Dafina Danqa, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Psychologie der Universität Greifswald und im StiPEx-Projekt. Dafür brauche es belastbare Daten, wirksame Präventionsmaßnahmen und eine Kommunikation, die Unsicherheiten transparent mache, ohne Ängste und Vorurteile zu verstärken.
Soziale und psychische Folgen langfristig berücksichtigen
Das Positionspapier „Erkenntnisse aus der Corona-Pandemie: Implikationen zum Umgang mit zukünftigen Krisen aus geistes- und sozialwissenschaftlicher Perspektive“ entstand im Rahmen der BMFTR-Förderlinie „Gesellschaftliche Auswirkungen der Corona-Pandemie – Forschung für Integration, Teilhabe und Erneuerung“.
Die Empfehlungen beziehen sich neben Stigmatisierung auch auf spezifische Gruppen und Lebensbereiche, darunter Kinder und Jugendliche, Schule, Arbeitswelt, Pflege und Gesundheitsversorgung. Die beteiligten Projekte zeigen, dass die Pandemie bestehende gesellschaftliche Problemlagen verstärkt, zugleich aber auch neue Formen digitaler Teilhabe und Zusammenarbeit hervorgebracht hat.
Für kommende Krisen empfehlen die Forschenden, neben epidemiologischen Daten stärker soziale und psychische Entwicklungen zu beobachten. Dazu zählen soziale Teilhabe, Einsamkeit, politische Einstellungen und das Vertrauen in Institutionen. Unterstützungsangebote sollten außerdem über das Ende einer akuten Krise hinaus auf langfristige Folgen ausgerichtet werden.
„Pandemic Preparedness, d. h. eine Vorbereitung auf den Pandemiefall, beginnt nicht erst mit dem Ausbruch einer neuen Pandemie“, betont Tomczyk. Erfahrungen aus der Corona-Pandemie müssten jetzt in dauerhafte Strukturen überführt werden. Geistes- und sozialwissenschaftliche Erkenntnisse sollten stärker in Krisenplanung und medizinische Versorgung einfließen.
Die Ergebnisse des StiPEx-Projekts bringt Tomczyk nach eigenen Angaben auch in seine Arbeit an der Universitätsmedizin Rostock ein. Für die Vorbereitung auf künftige Krisen sei es entscheidend, soziale und psychische Folgen von Anfang an mitzudenken.
Zur Pressemitteilung: https://www.uni-greifswald.de/universitaet/information/aktuelles/detail/n/aus-corona-lernen-stigmareduzierende-massnahmen-als-wichtiges-element-der-krisenbewaeltigung-287065/