Unter dem Deckmantel von Gesundheit und Selbstoptimierung wird antisemitisches Gedankengut verbreitet. Die Hasskampagne gegen die Bildungsstätte Anne Frank zeigt, wie menschenfeindliche Ideologien als vermeintliche Gesundheitsaufklärung daherkommen.
Gesunde Ernährung, körperliche Fitness und ein bewusster Lebensstil – dagegen ist nichts einzuwenden. Doch was geschieht, wenn Gesundheitsversprechen genutzt werden, um antisemitische Verschwörungserzählungen zu verbreiten?
Wie erschreckend aktuell diese Frage ist, zeigt die Hasskampagne gegen die Bildungsstätte Anne Frank. Die Frankfurter Einrichtung hatte in einem TikTok-Video über den antisemitischen Begriff „Goyslop“ aufgeklärt. Dahinter steht die Behauptung, jüdische Akteure würden gezielt minderwertige Lebensmittel verbreiten, um nichtjüdische Menschen krank und schwach zu machen.
(https://www.tiktok.com/@bsannefrank/video/7698684935502089504?_r=1&_t=ZG-9AvuO8HWmLw)
Es ist die Neuauflage einer jahrhundertealten antisemitischen Erzählung: Früher wurde Juden unterstellt, Brunnen zu vergiften. Heute soll angeblich die Lebensmittelindustrie dazu dienen, die Bevölkerung gezielt zu schädigen.
Auf das Video folgte eine Welle von Hass und persönlichen Angriffen aus Teilen der Fitness- und Ernährungsszene. Besonders die Mitarbeiterin der Bildungsstätte wurde wegen ihres Aussehens und Körpergewichts herabgewürdigt. Statt sich mit ihren Argumenten auseinanderzusetzen, wurde ihr aufgrund ihres Körpers die Glaubwürdigkeit abgesprochen.
Darin zeigt sich ein problematisches Gesundheitsverständnis: Schlankheit wird mit Disziplin, körperliche Leistungsfähigkeit mit persönlichem Wert gleichgesetzt. Wer diesen Idealen nicht entspricht, wird abgewertet.
Noch gefährlicher wird es, wenn solche Vorstellungen mit antisemitischen Verschwörungserzählungen verknüpft werden. Aus berechtigter Kritik an industriell verarbeiteten Lebensmitteln wird die Behauptung einer gezielten Schädigung durch vermeintliche Drahtzieher. Gesundheit wird zum Einfallstor für menschenfeindliche Ideologien.
Für das Gesundheitswesen ist das keineswegs ein Randthema. Wer über Ernährung, Prävention und Gesundheit spricht, trägt Verantwortung. Gesundheitskommunikation muss wissenschaftlich fundiert sein, Zusammenhänge differenziert darstellen und Menschen unabhängig von ihrem Körper oder ihrer Herkunft respektieren.
Die Bildungsstätte Anne Frank hat mit ihrem Video antisemitische Denkmuster sichtbar gemacht. Dass sie dafür angegriffen wird, zeigt, wie notwendig diese Aufklärungsarbeit ist.
Antisemitismus wird nicht dadurch harmloser, dass er als Ernährungstipp daherkommt. Er bleibt Antisemitismus. Und dem muss widersprochen werden – auch und gerade im Gesundheitswesen.