Dr. med. Mabuse · Artikel

„Immer bereit? “ Überlegungen zur Freiwilligkeit als Ressource und Risiko im professionellen Selbstverständnis von Rotkreuzschwestern*

Hilberger-Kirlum, P.

Dr. med. Mabuse · 2026 · Heft 2 · S. 64 bis 66 · DOI 10.3936/dmm_artid477633111

Abstract

Historie: Von der „selbstverständlichen Bereitschaft“ zur professionellen Freiwilligkeit Rotkreuzschwestern stehen historisch für eine spezifische Form weiblicher Pflegeprofessionalität, die sich früh zwischen diakonischen, konfessionellen Mutterhausmodellen und einem weltlichen, humanitären Auftrag positioniert. Seit den ersten Schwesternschaften unter dem Roten Kreuz im 19. Jahrhundert gilt die Bereitschaft, in Kriegen, Epidemien und Katastrophen „zur Stelle zu sein“, als identitätsstiftender Kern

Zusammenfassung

Der Beitrag analysiert Freiwilligkeit im Selbstverständnis von Rotkreuzschwestern historisch und aktuell. Historisch stand die Rotkreuzschwester für eine weibliche Pflegeprofession, die sich über „selbstverständliche“ Bereitschaft, Einsatz in Krisen und eine organisationsgebundene Hingabe an die Rotkreuzidee definierte. Diese Freiwilligkeit ähnelte lange diakonischen und ordensähnlichen Modellen, verband sich aber zugleich früh mit dem Anspruch auf fachliche Ausbildung und berufliches Profil. Mit der Professionalisierung der Pflege wandelte sich das Verständnis: Freiwilligkeit meint heute nicht mehr grenzenlose Aufopferung, sondern eine selbstbestimmte Entscheidung für humanitäre Hilfe innerhalb klarer professioneller und rechtlicher Rahmenbedingungen.

Der Text hebt den Rotkreuzgrundsatz der Freiwilligkeit als ethischen Kernwert hervor, zeigt aber dessen Ambivalenz: Was als autonome Selbstbindung erscheint, kann in Organisationen und Politik zur impliziten Erwartung permanenter Verfügbarkeit werden. Besonders in Krisen, Katastrophen und pandemischen Lagen droht Freiwilligkeit als rhetorische Legitimation für Personalmangel, Unterfinanzierung und unklare Zuständigkeiten zu dienen. Rotkreuzschwestern füllen hier wichtige Lücken im Katastrophenschutz, sind aber oft nicht ausreichend strukturell verankert.

Kritisch diskutiert werden Spannungen zwischen Autonomie und Verfügbarkeit, Profession und Heroisierung sowie Solidarität und Selbstüberforderung. Der Beitrag fordert deshalb, Freiwilligkeit neu zu bestimmen: als widerrufbare, informierte Entscheidung; mit klaren Rollen, Schutz, Nachsorge und rechtlicher Absicherung; sowie mit Mitbestimmungsrechten und politischer Verantwortung. So soll Freiwilligkeit Ressource bleiben, ohne zum Risiko für Gesundheit, Identität und Resilienz der Rotkreuzschwestern zu werden.

Schlagwörter

PFLEGE; ENTSCHEIDUNG; POLITIK; ENTWICKLUNG; GESUNDHEIT; HILFE; RISIKO; AUSBILDUNG; FORSCHUNG;