Hendrik Graßme 

Mabuse-Verlag, Frankfurt am Main 2024, in der Reihe Ethik - Pflege - Politik, Band 7, herausgegeben von Helen Kohlen, 329 Seiten, 45,00 €, ISBN‎ 978-3863216450

Hendrik Graßmes „Ethikberatung im Gesundheitswesen“ ist ein Werk, das auf einer soliden wissenschaftlichen Grundlage basiert. Ursprünglich als Dissertationsschrift an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Vallendar im Jahr 2023 verfasst, zeichnet sich das Buch durch eine tiefgründige, methodisch fundierte Herangehensweise aus. Der Autor spricht sowohl Fachkräfte im Gesundheitswesen als auch Studierende und Interessiert an, die sich mit ethischen Prinzipien und Entscheidungsprozessen vertraut machen möchten. In der Veröffentlichung seiner Dissertation geht er der Frage nach, wie das Instrument der Ethikberatung in Gesundheitseinrichtungen erfolgreich angewendet werden kann. Dabei thematisiert er insbesondere moralische Stresssituationen und Dilemmata und arbeitet im Ergebnisteil Ansätze zur Überwindung dieser heraus. 

Hendrik Graßme hat die Professur für Ethik und Care, Frankfurt University of Applied Sciences inne. Er hat langjährige Erfahrungen als Referent für einen Krankenhausverband und ist langjährig im Fachgebiet Gesundheitsmanagement in Lehre und Forschung tätig.

Dem Autor gelingt es, komplexe ethische Fragestellungen im medizinischen Kontext mit großer Präzision und Klarheit darzustellen. Die wissenschaftliche Tiefe spiegelt sich im strukturierten Aufbau, der sorgfältigen Argumentation und der Verwendung fundierter methodischer Ansätze der Sozialforschung wider. Das Buch hat somit nicht nur eine praktische Bedeutung, sondern ist auch eine wertvolle wissenschaftliche Ressource, die durch ihre fundierte Herangehensweise überzeugt. Dementsprechend ist der Aufbau der Dissertationsschrift in einen theoretischen und empirischen Teil gegliedert. Zunächst führt Graßme in die Grundsätze und Perspektiven auf den Gegenstand der Ethikberatung im deutschen Gesundheitswesen ein. Daran schließt sich die Begründung des Forschungsbedarfs an. Der ausführliche empirische Teil beschreibt das Untersuchungsdesign der responsiven Evaluationen von Ethikarbeit in der Johannesstift Diakonie. Anschließend werden die Ergebnisse explizit für den Diskurs gelingender Ethikarbeit im Gesundheitswesen als komplexe Intervention diskutiert. Dabei werden unter anderem die Reflexion von Hinderungseinflüssen, Macht in der Ethikarbeit, Partizipation und die Konzeptualisierung, individuelles und organisationales Wissensmanagement, verschiedene Praxisformen sowie administrative Rahmenbedingungen ausgeführt. In der Limitation und dem kurzen Fazit geht Graßme unter anderem auf Einflüsse durch die Maßnahmen zur Eindämmung der Coronapandemie ein. Das Buch endet mit einem Literaturverzeichnis, wobei die Internetquellen im Zeitraum 2020 bis 2022 abgerufen wurden. 

Besonders hervorzuheben ist die klare, präzise Sprache, die es ermöglicht, auch komplexe ethische Theorien und Prinzipien gut nachzuvollziehen. Graßme formuliert in der Ich-Form und nutzt eine Vielzahl von Fallbeispielen und methodischen Überlegungen, um die Theorie in die Praxis zu übertragen. Dadurch wird deutlich, wie die Methodik sowie die ethische Beratung im Gesundheitswesen professionell und reflektiert gestaltet werden kann.

Das Werk legt zudem großen Wert auf die Reflexion eigener Werte, interdisziplinäre Zusammenarbeit und die Bedeutung eines ethisch fundierten Entscheidungsprozesses. Die tiefgehende Analyse und die wissenschaftliche Methodik machen das Buch zu einer unverzichtbaren Lektüre für alle, die sich ernsthaft mit den ethischen Herausforderungen im medizinischen Bereich auseinandersetzen möchten.

Insgesamt ist „Ethikberatung im Gesundheitswesen“ ein äußerst wertvolles, wissenschaftlich fundiertes Werk, das gleichermaßen durch seine tiefgründige Analyse, methodische Strenge und praktische Relevanz überzeugt. Es bietet eine umfassende Grundlage für die professionelle Ethikberatung im Gesundheitswesen und ist eine Bereicherung für alle, die sich mit diesem wichtigen Thema vertieft beschäftigen möchten und kein Backrezept zur Durchführung von Ethikberatungen im Gesundheitswesen erwarten.

Eine Rezension von Prof. Dr. rer. med. Claudia Winkelmann

Johannes Kruse, Wolf Langewitz, Antonius Schneider, Wolfgang Söllner, Christiane Waller, Kerstin Weidner, Stephan Zipfel (Hrsg.)

Urban & Fischer Verlag/Elsevier GmbH, 9. Auflage 2025, 1136 Seiten, 159,00 €, ISBN 9783437218354

Wer wünscht sich nicht, im Falle der eigenen Erkrankung, „ganzheitlich“ als Mensch in seinem Bezugssystem wahrgenommen und behandelt zu werden? Auf die Idee, dass die Beziehung von Ärzten und ihren Patienten relevant sein könnte, kam schon Michaël Balint durch die Beobachtung, dass der Heilerfolg bei derselben Krankheit mit denselben Medikamenten bei unterschiedlichen Ärzten verschieden ausfiel. Daraus schloss er, dass die Beziehung zwischen Arzt und Patient zumindest einen bedeutenden Einfluss auf den Behandlungserfolg hat. Folgerichtig nahm er an, dass durch ein Reflektieren schwieriger Situationen mit anderen Ärzten eine Beziehungsgestaltung verbessert werden könnte. Nicht der Fall oder dessen (Fall-)Pauschale sollte im Vordergrund stehen, sondern der sehr individuelle Patient und darüber hinaus auch eben als wichtige Komponente die Beziehung zwischen Arzt und Patient.

Wer, wie Thure von Uexküll 1979 in dem Vorwort zur ersten Auflage davon ausgeht, dass „psychosoziale Einflüsse auf Entstehung, Verlauf und Endzustände von Krankheiten ebenso wichtige und legitime Probleme für die Heilkunde aufwerfen, wie die Einflüsse physikalischer, chemischer oder mikrobiologischer Faktoren“, der kommt kaum an dem Standardwerk der Psychosomatik, „dem Uexküll“ vorbei. In diesem Sinne gilt schon seit der ersten Auflage ein Großteil des Gesamtumfangs unmittelbar dem Thema des Patientenzentrierten Handelns. Idealerweise wird „Psychosomatik“ dabei zu einer Haltung und Einstellung innerhalb der Gesundheitsversorgung, die sowohl die biomedizinischen als auch die psychosozial-soziokulturellen Aspekte von Krankheit und Gesundheit erfasst und gegebenenfalls behandelt – ein wahrhaft hoher Anspruch.

Im kassenärztlichen Alltag oder im Fall pauschal abrechnender Krankenhäuser wird dies materiell nicht begünstig. Auch die Auslagerung des „Psychischen“ an den „Psycho-Konsiliardienst“, teilweise mit schon abgrundtiefen Begründungen wie „Patientin weint…“ oder „Patient ist widerständig“, sowie in die psychologischen Praxen oder psychosomatischen Reha-Kliniken vertiefen eher den Graben, den Thure von Uexküll überwinden wollte, als er die „Psychosomatische Medizin “ nicht als ein „neues Spezialfach, … sondern [als] eine alle Zweige der Medizin betreffende neue Forschungsrichtung“ proklamierte. Ein Querschnittsfach sollte es sein, dem Psychotherapeuten den Körper nahebringend, dem Organmediziner die Psyche – und das möglichst in der Beziehung zum Patienten und seiner Umwelt. 

In den über 1.000 Seiten mit über 100 Kapiteln, davon 39 neu verfasst, in der nun 9. Auflage des „Uexküll“, ist es gelungen, diese Personale Medizin (und Psychologie) in den Mittelpunkt der Darstellungen zu rücken. 

Über die klassischen Themen hinaus wird behandelt

  • Digitalisierung und Künstliche Intelligenz in der Medizin
  • Umwelt, Klimakrise und Gesundheit
  • Gender
  • COVID-19-Pandemie und psychische Gesundheit
  • Diagnostik in der Verhaltenstherapie, Systemische und Familiendiagnostik, Funktionsdiagnostik (ICF)
  • Psychotherapie mit körperlich Kranken
  • Suggestive, achtsamkeitsbasierte und übende Verfahren
  • Versorgungsmodelle in der Familienpsychosomatik (Eltern-Kind-Station, Kinder- und Jugendpsychosomatik) sowie ambulante und sektorenübergreifende Versorgungsformen
  • Psychosomatische Grundversorgung
  • Nicht stoffgebundene Süchte
  • Berücksichtigung der neu formulierten diagnostischen Überlegungen der ICD-11, insbesondere im Bereich der funktionellen Körperbeschwerden und der Persönlichkeitsstörungen

Neu ist auch das Kapitel zur Arztgesundheit. In Aussicht gestellt wird, dass der Zugewinn an fachlicher Kompetenz und der Fähigkeit, diese flexibel einzusetzen, unsere Effektivität steigert, uns Wirksamkeit erleben lässt, unser Selbstgefühl und unsere Zufriedenheit im Beruf fördert. „Ein Circulus benignus kommt in Gang: Kranke bringen zufriedenen Ärzten mehr Vertrauen entgegen, bewerten deren Leistungen eher positiv, kommen zuverlässiger in die Praxis, befolgen Verordnungen konsequenter und erreichen bessere Behandlungsergebnisse.“ So berichten Teilnehmer der Psychosomatischen Grundversorgung im Verlauf über verschiedene Facetten einer  Steigerung  ihrer  Berufszufriedenheit – und einen anderen Blick auf das eigene Selbst. 

Wenn man die Fülle der behandelten theoretischen und klinischen Themen sowie die lange Reihe der prominenten Beiträger zu diesem Standardwerk bedenkt, erahnt man welche unendliche Mühe, Geduld, Kommunikations- und Kooperationsfähigkeit sowie intellektuell-geistige Arbeit in einem derartigen Mammutunternehmen steckt. 

Ich als rezensierender Leser habe vor allem von den Kapiteln profitiert, in denen ich nicht zu Hause bin. Aber  über die fundierten Einzelbeiträge hinaus ist die Leistung dieses Werks vor allem, dass darin die Idee und das Konzept einer integrierten Psychosomatik überzeugend dargelegt wird. 

Es mag an dem Realitätssinn des Verlages liegen, der sich traut, ein solch dickes Buch mit einem dafür bescheidenen, aber eben zu zahlenden Preis zu verlegen, wenn er fettgedruckt wirbt: „Dieses Buch sollten alle ärztlich oder psychotherapeutisch Tätigen im Regal haben, die für sich in Anspruch nehmen, nicht nur Symptome oder Krankheiten zu behandeln, sondern Menschen.“ Ich würde mir und den Behandelten wünschen, dass das Buch nicht nur als Trophäe im Schrank steht, sondern von Organmedizinern in die Hand genommen wird und idealerweise dann auch noch den Anstoß gibt, sich auf den Weg der psychosomatischen Grundversorgung und/oder in Balintgruppen zu begeben.  

 

Eine Rezension von Dr. med. Helmut Schaaf
Ltd. Oberarzt, Psychotherapie 

Silke Schwarz

Kohlhammer Verlag, Stuttgart 2025, 146 Seiten, 32,00 €, ISBN 978-3-17-044785-1

Partnerschaftsgewalt ist eine Thematik, die gesellschaftlich hoch relevant ist – nicht nur für Psychotherapeut*innen, sondern auch für Fachkräfte im weiteren psychosozialen Spektrum, darunter Sozialarbeiter*innen, Berater*innen, Pflegekräfte in der Psychiatrie sowie Mitarbeitende aus dem Gewaltschutz, der Behindertenhilfe oder aus flucht- und migrationsbezogenen Einrichtungen. Silke Schwarz legt mit ihrem Buch einen kompakten und praxisnahen Leitfaden vor, der nicht nur Psychotherapeut*innen, sondern allen dieser Berufsgruppen dienlich ist und ihnen fundierte Orientierung im Umgang mit betroffenen Frauen bietet.

Obwohl der Titel zunächst eine psychotherapeutische Schwerpunktsetzung vermuten lässt, verfolgt Schwarz einen schulenübergreifenden Ansatz, der bewusst offen gestaltet ist und sowohl therapeutisch als auch beratend tätigen Fachkräften zahlreiche Anregungen bietet.

Der inhaltliche Zugang bleibt dabei nicht auf die individuelle Ebene beschränkt, sondern bindet das Thema konsequent in gesellschaftliche und strukturelle Kontexte ein – was besonders hilfreich ist, wenn es darum geht, Gewaltphänomene nicht als isolierte Einzelfälle, sondern als Ausdruck sozialer Machtverhältnisse zu verstehen.

Die Autorin zeigt sensibel und differenziert auf, wie Partnerschaftsgewalt psychisch, sozial und strukturell wirkt. Dabei nimmt sie die Perspektiven und Erfahrungen betroffener Frauen ernst, ohne sie zu vereinfachen oder zu generalisieren. Ihre Darstellung bleibt nah an der Praxis und zugleich reflektiert im Hinblick auf die ethischen und methodischen Herausforderungen, die mit der Arbeit in diesem Feld einhergehen.

In acht klar strukturierten Kapiteln vermittelt das Buch grundlegende Kenntnisse – etwa zur Psychotraumatologie, zu Risikoabschätzung und Sicherheitsplanung, zur therapeutischen Beziehungsgestaltung sowie zur Situation mitbetroffener Kinder. Es geht auch auf rechtliche Rahmenbedingungen und die interdisziplinäre Zusammenarbeit ein. Besonders hilfreich ist dabei die Verbindung von Hintergrundwissen mit konkreten Handlungsempfehlungen:

Checklisten, Fallbeispiele und Hinweise für die Gesprächsführung machen das Buch zu einem praxisorientierten Werkzeug für den Alltag in Beratungs- und Unterstützungssettings.

Ein zentrales Merkmal des Buches ist die konsequente Ausrichtung auf traumasensible, ressourcenorientierte und empowernde Ansätze. Schwarz orientiert sich dabei an der aktuellen WHO-Leitlinie für Gesundheitsfachkräfte zum Umgang mit geschlechtsspezifischer Gewalt und betont eine Haltung, die Validierung, Parteilichkeit und die Anerkennung der Expertise betroffener Frauen in den Mittelpunkt stellt. Sie spricht sich für eine Arbeitsweise aus, die Hierarchien kritisch reflektiert, Selbstbestimmung stärkt und gesellschaftliche Machtverhältnisse nicht ausklammert, sondern als wesentlichen Kontext begreift.

Besonders hervorzuheben ist der sozialkonstruktivistische Zugang, den Schwarz wählt. Das Konzept „Doing Gender“ – also die soziale Konstruktion und ständige Reproduktion von Geschlecht durch Interaktion – zieht sich als analytischer Rahmen durch das Buch. Auf dieser Grundlage wird Gewalt nicht nur als individuelles oder psychologisches Phänomen begriffen, sondern auch als Folge gesellschaftlich strukturierter Ungleichheiten, die sich in Partnerschaften ebenso wie in professionellen Beziehungskontexten manifestieren können.

Für Fachkräfte in der psychosozialen Beratung ergeben sich daraus wertvolle Impulse: etwa zur Reflexion eigener Rollenzuschreibungen, zum bewussten Umgang mit Ambivalenzen oder zur Erweiterung des Blicks auf unterschiedliche Geschlechteridentitäten und Beziehungskonstellationen. Der performative Charakter von Geschlecht und Macht wird dabei nicht nur theoretisch benannt, sondern auch praxisnah in seine Relevanz für konkrete Beratungssituationen übersetzt.

Anders als viele klassische psychotherapeutische Fachbücher vermeidet Schwarz eine feste Anbindung an eine bestimmte Schule. Sie integriert stattdessen Elemente aus verschiedenen Richtungen – unter anderem die ressourcenorientierte Haltung der Verhaltenstherapie, das tiefenpsychologische Verständnis von Beziehungsmustern und eine gesamtgesellschaftliche Perspektive, wie sie auch aus psychoanalytisch informierten Debatten bekannt ist. Diese methodische Offenheit ist ein großer Vorteil, insbesondere für Fachkräfte, die in multiprofessionellen Teams arbeiten und sich flexibel auf unterschiedliche Kontexte und Anliegen einstellen müssen.

Für eine vertiefte psychotherapeutische Ausbildung innerhalb eines spezifischen Therapieverfahrens bietet das Buch weniger systematische Anleitung. Doch gerade in seiner interdisziplinären Offenheit und durch die konsequente Einbindung feministischer Perspektiven liefert es wertvolle Impulse für die Reflexion therapeutischer Praxis – insbesondere dort, wo individuelle Problematiken in Verbindung mit struktureller Gewalt zu denken sind.

Auch international ist der Ansatz anschlussfähig: Schwarz' Ausrichtung entspricht den Empfehlungen von WHO und UN Women, in denen Empowerment, Vernetzung und traumasensible Begleitung als zentrale Elemente der psychosozialen Unterstützung genannt werden. Die Verbindung von theoretischer Reflexion, praktischen Handlungsmöglichkeiten und einer ethisch fundierten Grundhaltung macht das Buch zu einer hilfreichen Lektüre für alle, die im psychosozialen Feld tätig sind.

Fazit

Silke Schwarz' „Psychotherapie bei Partnerschaftsgewalt“ ist ein fundiertes, praxisnahes und sensibel geschriebenes Fachbuch, das insbesondere für psychosoziale Fachkräfte in Beratungsstellen und unterstützenden Einrichtungen wertvolle Anregungen bietet. Es überzeugt durch einen breiten, schulenübergreifenden Zugang, durch methodische Offenheit und durch eine konsequent ressourcenorientierte, empowernde Haltung. Wer sich mit den psychischen, sozialen und gesellschaftlichen Dimensionen von Partnerschaftsgewalt auseinandersetzt und sich in seiner Arbeit theoretisch wie praktisch orientieren möchte, wird in diesem Buch eine anregende und hilfreiche Begleitung finden.

 

Eine Rezension von Anna Zell
B.A. Sozialökonomie, B.A. Soziale Arbeit, Psychosoziale Betreuungskraft