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Tanztee statt Schlaftablette: Wie der Werdenfelser Weg die Teilhabe von Bewohnerinnen und Bewohner fördern kann
Im compassio Seniorendomizil Marienthal in Deggendorf zeigt sich, wie ein veränderter Blick auf Pflege den Alltag von Bewohnerinnen und Bewohnern spürbar beeinflussen kann. Als ein 95-jähriger Bewohner äußert, keinen Lebensmut mehr zu verspüren, nimmt Einrichtungsleiterin Doris Frammelsberger dies nicht als gegeben hin. Statt Rückzug und Passivität zu akzeptieren, setzt das Team gezielt auf Aktivierung, Teilhabe und neue Erfahrungen. Wenig später besucht der Senior ein Flugplatzfest im Nachbarort, steigt in ein Kleinflugzeug und darf dieses sogar kurz selbst steuern. Heute beteiligt er sich wieder aktiv am Leben in der Einrichtung, begleitet neue Bewohnerinnen und Bewohner beim Ankommen und spricht nicht mehr davon, keinen Lebensmut mehr zu haben. Für Doris Frammelsberger ist das Ausdruck eines grundsätzlichen Perspektivwechsels in der Pflege.
„Mit dem Werdenfelser Weg können wir unseren Bewohner:innen zeigen, dass ihr Lebensweg noch nicht zu Ende ist. Wir sind nicht die Endstation, sondern ein ganz normaler Abschnitt vom Leben“, erklärt Doris Frammelsberger, die zugleich als zertifizierte Verfahrenspflegerin tätig ist.
Perspektivwechsel im Pflegealltag
Mehr Selbstbestimmung, weniger Zwang: Seit 2024 setzt das Seniorendomizil in der niederbayerischen Kreisstadt als erste Pflegeeinrichtung der compassio Gruppe auf den Werdenfelser Weg, ein etabliertes Konzept in der Gesundheitsbranche, das 2007 in Garmisch-Partenkirchen entwickelt wurde. Ziel dieses Ansatzes ist es, freiheitsentziehende Maßnahmen wie Fixierungen oder sedierende Medikationen zu vermeiden. Dazu zählen herkömmliche Bettgitter, Gurte im Rollstuhl oder beruhigende Medikamente, die verhindern sollen, dass Bewohner:innen stürzen oder sich selbst gefährden. Sie können im Einzelfall notwendig sein, stehen aber in der Kritik, weil sie die Bewegungsfreiheit stark einschränken und mit Angst, Stress und einem Verlust an Selbstbestimmung verbunden sind. Stattdessen werden mit dem Werdenfelser Weg im ersten Schritt individuelle, mildere Lösungen gefunden. „Freiheit ist keine Gefahr, sondern das höchste Gut des Menschen. Auch im Alter“, so die Einrichtungsleitung, die auf 26 Jahren Erfahrung in der Pflege- und Gesundheitsbranche zurückblickt.
Weniger Medikamente und dafür mehr individuelle Lösungen
Ein zentraler Bestandteil war die kritische Überprüfung der Medikationspläne. Gemeinsam mit Ärzt:innen wurden sedierende Medikamente reduziert, wo es möglich und medizinisch vertretbar ist. „Psychopharmaka schränken nämlich nicht nur das Bewusstsein ein, sondern auch die Gefühlswelt. Dabei sind Gefühle ein maßgeblicher Teil vom Leben“, führt Doris Frammelsberger aus. „Deswegen versuchen wir zunächst, mildere Alternativen zu finden.“
- Tanz als Sturzprophylaxe und natürliches Schlafmittel
Mit regelmäßigen Festen wie dem monatlichen offenen Tanztee bringt das Pflegeteam Leben in die Einrichtung. „Unsere Bewohner:innen wollen Musik, sie wollen singen, sie wollen tanzen. Mein Job ist es auch, für Action zu sorgen. Am Abend nach dem Tanztee wird nicht eine einzige Schlaftablette gebraucht“, freut sich die Einrichtungsleiterin. „Außerdem gibt es keine bessere Sturzprophylaxe als Tanzen, neben der sozialen Aktivität werden auch Bewegung und Koordination gefördert. Das sind gerade für unsere älteren Bewohnerinnen, die immer noch liebend gern auf Stöckelschuhen rumlaufen, wichtige Faktoren.“
- Pflege, die durch die Nase geht
Ausgebildete Palliativfachkräfte arbeiten mit einer besonderen Aromapflege. Duft-Diffuser mit 100 % reinen Ölen, Massagen und atmungsstimulierendes Einreiben können das Wohlbefinden der Senior:innen steigern, weil sie unbewusst Sicherheit vermitteln. Entscheidend ist hier das Aroma in Bezug zur Biografie: Manche Bewohner:innen sind ehemalige Landwirte, für die der Duft von Tannen beruhigend wirkt, weil sie die meiste Zeit ihres Lebens draußen in der Natur verbracht haben. Vanille, auch als „Rockzipfel-Duft” bekannt, weckt die Erinnerungen an Weihnachtskekse und Kindheitsmomente. Zitrusaromen wirken unterstützend bei Appetitlosigkeit.
- Sturzhelm statt am Rollstuhl festschnallen
Alle Anträge zu freiheitsentziehenden Maßnahmen laufen über den Schreibtisch von Doris Frammelsberger und werden sorgfältig geprüft. So auch im Falle eines Bewohners, der immer wieder aus dem Rollstuhl aufsteht – er ist noch mobil, aber seine Ausdauer geht zurück. Der Betreuer plädiert dafür, ihn zur Sicherheit mit einem Sitzgurt am Rollstuhl festzuschnallen. Der Alternativvorschlag ist leicht und niederschwellig umzusetzen: ein Sturzhelm. „Mit herkömmlichen Fixierungsmethoden steigen die Muskelspannung und auch das Stresslevel. Statistiken und psychologische Studien zeigen, dass man automatisch dagegen arbeitet, sobald man einen Widerstand spürt, den man nicht zuordnen kann. Das ist nichts anderes, als würden wir mit dem Ärmel an der Klinke hängen bleiben und lässt sich einfach umgehen“, begründet Doris Frammelsberger.
Wachsende Motivation im Team und mehr Interesse am Beruf
Die Umsetzung des Werdenfelser Wegs im Jahr 2024 erfolgte systematisch. Die rund 200 Mitarbeitenden haben es der Einrichtungsleiterin mit der Einführung des Werdenfelser Wegs leicht gemacht und sich aktiv eingesetzt. Denn die Herangehensweise stärkt nicht nur die Qualität der Pflege, sondern auch die Identifikation mit dem Beruf. Der allseits bekannte Fachkräftemangel ist laut Doris Frammelsberger in dem niederbayerischen Seniorendomizil deutlich weniger ausgeprägt als in anderen Pflegeeinrichtungen. Der Grund liegt auch in der Arbeitsweise: „Es gibt genügend Pflegekräfte, die einen wertschätzenden Umgang mit den Bewohner:innen wollen. Ich habe etliche Pflegefachkräfte eingestellt, die mir zurückgemeldet haben, dass sie gegen Sedierungen sind, nur damit die Arbeit einfacher wird. Und auch bei unseren Auszubildenden ist das Interesse groß.“ Die größte Herausforderung im Alltag liege darin, Angehörigen zu vermitteln, dass auch traurige oder ärgerliche Gefühlsäußerungen bei den Bewohner:innen normal und erlaubt sind.
Teil eines größeren Wandels in der Pflege
In Zeiten wachsender Kritik an freiheitsentziehenden Maßnahmen gewinnt der Werdenfelser Weg zunehmend an Bedeutung. Mehr Selbstbestimmung, mehr Würde und eine stärkere Orientierung am individuellen Willen der Bewohner:innen stehen im Fokus. Auch gesetzliche Entwicklungen wie die Reform des Betreuungsrechts vor drei Jahren unterstreichen diesen Wandel und stärken die Rechte pflegebedürftiger Menschen. Einrichtungen wie das Seniorendomizil Marienthal werden damit zunehmend zu Vorbildern für eine Branche, die vor großen Herausforderungen steht und zugleich neue Wege finden muss. Die Erfahrungen der Einrichtung zeigen: Pflege kann anders funktionieren. Sie kann menschlicher und individueller werden und gleichzeitig professionell bleiben. Doris Frammelsberger wünscht sich für die Zukunft vor allem eines: Mehr Einrichtungen, die den gleichen Weg einschlagen. In ihrem Landkreis weiß sie von keinem anderen Pflegeheim, dass so arbeitet wie sie und ihr Team. „Dabei wird das Thema schon in der Ausbildung in der Theorie unterrichtet. Wir Menschen sind soziale Wesen, ich möchte jeder Person gleich begegnen. Deswegen ist der Werdenfelser Weg eine Herzenssache für mich.“
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