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Alexander Korte

Hinter dem Regenbogen
Entwicklungspsychiatrische, sexual- und
kulturwissenschaftliche Überlegungen zur Genderdebatte und zum Phänomen der Geschlechtsdysphorie bei Minderjährigen

W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart, 1. Auflage 2024, 328 Seiten, 27,00 €, ISBN 978-3-17-0455887

In den vergangenen Jahren hat das Thema Geschlechtsdysphorie bei Kindern und Jugendlichen deutlich an Relevanz gewonnen. Fachliche und gesellschaftliche Debatten befassen sich zunehmend mit der Frage, wie junge Menschen in ihrer Auseinandersetzung mit der eigenen Geschlechtsidentität angemessen begleitet werden können. Im Zentrum stehen medizinische, psychologische und soziale Aspekte, die eine differenzierte Betrachtung erfordern.

Alexander Korte absolvierte ein Masterstudium im Bereich der psychoanalytischen Kulturwissenschaften und wurde im Jahr 2000 an der Humboldt-Universität zu Berlin in Medizin promoviert. Seit 2010 ist er als Leitender Oberarzt und stellvertretender Direktor an der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Klinikums der Universität München tätig. Darüber hinaus gehört er seit 2014 dem Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Sexualmedizin, Sexualtherapie und Sexualwissenschaft an und ist Mitherausgeber der Fachzeitschrift Sexuologie. Korte hat zahlreiche Beiträge zum Thema Geschlechtsidentität und Geschlechtsdysphorie veröffentlicht. Hinter dem Regenbogen ist nach einer früheren Publikation seine zweite Monografie zur geschlechtlichen Identitätsentwicklung im Kindes- und Jugendalter. Das Buch ist außerhalb von universitären Forschungsprojekten entstanden und versteht sich als eigenständige Einordnung aus fachlicher Perspektive. Eine institutionelle Förderung oder ein konkreter Forschungsauftrag lagen nicht vor.

Das Buch ist in elf Kapitel gegliedert, die sich in drei größere inhaltliche Bereiche zusammenfassen lassen. Der erste Teil behandelt Grundlagen der Geschlechtsentwicklung aus psychodynamischer, entwicklungspsychologischer und sexualwissenschaftlicher Perspektive. Im zweiten Teil werden sozial- und kulturwissenschaftliche Diskurse aufgegriffen. Der Schwerpunkt liegt hier auf gesellschaftlichen Veränderungen im Umgangmit Geschlecht, Identität und Sprache. Der dritte Teil befasst sich mit Aspekten der klinischen Praxis. Dazu gehören diagnostische Verfahren, therapeutische Zugänge, juristische Rahmenbedingungen sowie aktuelle fachliche und öffentliche Kontroversen, etwa zur Anwendung von Pubertätsblockern oder zum Einfluss von Peergroups.

Alexander Korte verfolgt mit dem vorliegenden Buch das Ziel, eine alternative Sichtweise auf den Umgang mit Geschlechtsdysphorie im Kindes- und Jugendalter zu präsentieren. Dabei wird früh deutlich, dass er dem von Berufsverbänden wie der World Professional Association for Transgender Health (WPATH) und anderen Fachgesellschaften empfohlenen affirmativen Behandlungsansatz kritisch gegenübersteht. Dieser Ansatz, der in zahlreichen (internationalen) Leitlinien empfohlen wird, findet in Kortes Darstellung keine positive Bewertung. Vielmehr setzt er andere diagnostische und therapeutische Schwerpunkte, die teils deutlich von etablierten fachlichen Standards abweichen.

Kritisch zu bewerten ist die wiederholte Bezugnahme auf die „Society for Evidence-Based Gender Medicine“ (SEGM), deren Positionen in der internationalen Fachwelt umstritten sind. Mitglieder dieser Organisation unterhalten Verbindungen zu Gruppen, die Konversionstherapien befürworten oder unterstützen. Darüber hinaus benennt Korte als eine zentrale Motivation für die Publikation den intensiveren Kontakt zu zwei Eltern-Selbsthilfe-Initiativen (Korte 2024, 17). Eine nähere Betrachtung dieser Initiativen legt jedoch nahe, dass sie dem anti-trans* Spektrum zuzuordnen sind. Die Nähe zu diesen Positionierungen bleibt im Buch weitgehend unreflektiert und wirft Fragen hinsichtlich der Auswahl und Gewichtung der verwendeten Quellen auf.

Ein zentrales Element der Argumentation ist die Befürwortung des Konzepts einer sogenannten „Rapid Onset Gender Dysphoria“ (ROGD), also einer angeblich plötzlich einsetzenden Geschlechtsdysphorie bei Jugendlichen. Korte vertritt diese These mit Nachdruck, obwohl sie von zahlreichen Fachgesellschaften wie der American Psychological Association und der American Psychiatric Association deutlich abgelehnt wird. ROGD suggeriert eine diagnostische Kategorie, ohne über eine wissenschaftlich fundierte Definition oder empirische Evidenz zu verfügen. Eine im Jahr 2021 im Journal of Pediatrics veröffentlichte Studie hat zentrale Annahmen des ROGD-Konzepts, etwa den Einfluss sozialer Medien oder angeblicher Ansteckungseffekte, untersucht. Die Ergebnisse zeigen, dass für diese Hypothesen keine belastbaren empirischen Belege vorliegen.

Aus der Perspektive betroffener trans* Personen ist die Lektüre dieses Buches schwer zumutbar. Die einseitige Darstellung, die wiederholte Infragestellung affirmativer Ansätze sowie die problematisierende Sprache tragen nicht zu einer vertrauensbildenden oder differenzierten Auseinandersetzung bei. Eine multiperspektivische Darstellung, wie sie insbesondere für ratsuchende Eltern hilfreich wäre, fehlt über weite Strecken. Wer hingegen nachvollziehen möchte, auf welche Argumente sich die zunehmende Kritik an der gesellschaftlichen Sichtbarkeit und Anerkennung von trans* Personen stützt, findet in der Lektüre zahlreiche Anknüpfungspunkte.

Eine Rezension von Julia Taubitz

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