
Julia Dratva, Agnes von Wyl, David Lätsch, Marc Höglinger (Hrsg.)
Public Health im Kindes- und Jugendalter
Schlüsselkonzepte, Methoden und Umsetzungsstrategien
Hogrefe, Bern, 1. Auflage 2025, 432 Seiten, 45,00 Euro, ISBN 978-3456862941
Das Buch Public Health im Kindes- und Jugendalter erscheint in einer Phase tiefgreifender gesellschaftlicher Veränderungen. Der Gesundheitszustand junger Menschen rückt zunehmend ins Zentrum gesundheitspolitischer Debatten, da multiple Belastungsfaktoren, darunter psychosoziale Krisen, digitale Reizüberflutung, Bewegungsmangel, klimabedingte Gesundheitsrisiken und anhaltende soziale Ungleichheiten, sichtbar zunehmen. Gleichzeitig verändert sich die institutionelle Landschaft. Schulen werden immer stärker zu Gesundheitsorten, Kitas übernehmen erweiterte Präventionsaufgaben, und kommunale Netzwerke wachsen im Rahmen von Kinderschutz- und Präventionsketten zusammen. Das Werk trägt dieser Entwicklung Rechnung, indem es ein umfassendes Verständnis von Public Health im Kindes- und Jugendalter vermittelt und sowohl wissenschaftliche Grundlagen als auch praxisnahe Umsetzungsperspektiven integriert. Damit schließt es insbesondere für den deutschsprachigen Raum eine bestehende Lücke zwischen Theorie, empirischer Evidenz und der konkreten operativen Umsetzung in Lebenswelten.
Die Herausgeber*innen verfügen über eine hohe wissenschaftliche Reputation und komplementäre Fachperspektiven, die den interdisziplinären Charakter des Buches prägen.
Prof. Dr. Julia Dratva als Epidemiologin mit Schwerpunkt Umwelt- und Kindergesundheit bringt einen datenbasierten, bevölkerungsbezogenen Ansatz ein, der sich in den stärker epidemiologischen Kapiteln widerspiegelt. Prof. Dr. Agnes von Wyl ergänzt diese Perspektive durch psychologische und entwicklungsbezogene Zugänge, insbesondere hinsichtlich mentaler Gesundheit und psychosozialer Entwicklungsprozesse. Prof. Dr. David Lätsch ist seit Jahren ein zentraler Akteur in der Forschung zu schulischer Gesundheit, Interventionsentwicklung und Implementierung im Bildungsbereich. Prof. Dr. Marc Höflinger schließlich verankert das Werk in Public-Health-Politik und Versorgungsforschung. Gemeinsam bilden die Herausgeber*innen ein wissenschaftlich hochkarätiges Team, dessen Expertise die inhaltliche Breite, Tiefe und zugleich die Anwendungsorientierung des Bandes ermöglicht.
Die Publikation ist im Kontext steigender Relevanz von Kinder- und Jugendgesundheit entstanden. Nationale und internationale Daten u. a. von WHO, OECD, HBSC-Studien oder nationalen Gesundheitsberichten zeigen deutliche Trends zunehmender psychosozialer Belastungen, chronischer Erkrankungen im Kindesalter sowie persistenter gesundheitlicher Ungleichheiten. Darüber hinaus verändern aktuelle politische Entwicklungen, wie die Bekämpfung gesundheitlicher Disparitäten, die Verankerung von Gesundheitskompetenz in Bildungssystemen und die Forderung nach evidenzbasierten Präventionsstrategien, den Handlungsrahmen. Der Sammelband bringt Beiträge aus der Schweiz, Österreich und Deutschland zusammen und betont damit die gemeinsame Verantwortung der D-A-CH-Region. Besonders hervorzuheben ist der klare Anspruch, Public-Health-Wissen nicht nur akademisch darzustellen, sondern für unterschiedliche Berufsgruppen praxisrelevant aufzubereiten.
Das Werk folgt einem sorgfältig durchdachten Aufbau, der sich an internationalen Lehrbuchstrukturen orientiert und zugleich auf Umsetzungsorientierung ausgelegt ist. Im ersten Teil werden grundlegende Public-Health-Konzepte erläutert, einschließlich theoretischer Modelle wie dem biopsychosozialen Modell, den sozialen Determinanten der Gesundheit und epidemiologischen Grundlagen. Hier entsteht die Grundlage für ein systemisches Verständnis von Kindergesundheit. Der zweite Teil widmet sich methodischen Aspekten, darunter epidemiologische Studienformen, Monitoring-Systeme, qualitative Forschungszugänge und Evaluationsframeworks. Die Vielzahl der dargestellten Methoden ermöglicht es Leser*innen, sowohl Interventionen als auch Datenquellen kritisch einzuordnen. Der dritte Teil des Buches fokussiert die verschiedenen Lebenswelten Familie, Kita, Schule, Kommune sowie zunehmend digitale Settings und beschreibt, wie gesundheitsförderliche Maßnahmen in diesen Kontexten wirksam verankert werden können. Darauf aufbauend widmet sich der vierte Teil spezifischen Zielgruppen wie chronisch erkrankten Kindern, sozial benachteiligten Gruppen oder Jugendlichen im Übergang zu Ausbildung und Beruf. Der fünfte Teil schließlich zeigt konkrete Umsetzungsstrategien, darunter politische Rahmenbedingungen, interprofessionelle Zusammenarbeit, evidenzbasierte Programme und Implementierungsforschung. Ein Ausblick bildet den Abschluss und diskutiert zukünftige Herausforderungen, wie psychische Gesundheit, Digitalisierung oder Klimawandel. Die innere Logik des Werkes, vom theoretischen Fundament hin zu praktischen Anwendungsstrategien, ermöglicht einen kohärenten roten Faden, der sowohl für Studierende als auch für Praktiker*innen gut nachvollziehbar ist.
Der Sammelband zeichnet sich durch seine ungewöhnlich umfassende Verbindung aus Theorie, Methoden und Praxis aus. Besonders innovativ ist die konsequente Orientierung an Lebenswelten, die aktuelle Public-Health-Strategien wie „Setting-Ansätze“ (WHO) und „Health in All Policies“ aufgreift. Die Autor*innen integrieren aktuelle Forschung, Methoden und politisch-strategische Entwicklungen, wodurch sich ein klarer Mehrwert gegenüber älteren Grundlagenwerken ergibt. Der Fokus auf die D-A-CH-Region stellt eine willkommene Ergänzung zu internationalen Standardwerken dar.
Das Buch spricht ein breites Publikum an. Studierende der Gesundheitswissenschaften, Fachkräfte aus Public Health und Gesundheitsförderung, Pädagog*innen, Fachkräfte im Kinderschutz, politische Entscheidungsträger*innen sowie Akteure in kommunalen Präventionsketten. Für die Praxis ist insbesondere der partizipative und interprofessionelle Ansatz wertvoll, der konkrete Handlungsimpulse in Lebenswelten wie Familien, Schulen oder Gemeinden vermittelt. Damit unterstützt das Werk Fachpersonen, die Gesundheitsförderung systemischer denken und umsetzen möchten.
Die Breite des Themenspektrums ist bemerkenswert und ermöglicht ein ganzheitliches Verständnis von Kindergesundheit als gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Gleichzeitig ist der methodische Anspruch nicht zu unterschätzen. Einige Kapitel erfordern Kenntnisse epidemiologischer Konzepte, um die dargestellten Daten angemessen nachvollziehen zu können. Diese Tiefe macht das Werk wissenschaftlich anspruchsvoll, aber zugleich wertvoll als Standardliteratur. Das erklärte Ziel, Schlüsselkonzepte und Methoden mit Umsetzungsstrategien zu verknüpfen, wird sehr gut erreicht. Der Sammelband bietet sowohl ein fundiertes Grundlagenwerk als auch praxisorientierte Impulse für Interventionen und politische Strategien. Die Kohärenz des Werkes bleibt trotz der Vielzahl der Autor*innen gut erhalten. Die grafische Aufbereitung ist klar und didaktisch gut strukturiert. Tabellen, Abbildungen und Methoden-Boxen unterstützen das Verständnis, insbesondere in den methodisch anspruchsvollen Abschnitten. Die Gestaltung orientiert sich am typischen Hogrefe-Stil: sachlich, aufgeräumt und wissenschaftlich. Durch die Einbindung neuer Daten, aktueller Monitoring-Ergebnisse und internationaler sowie nationaler Public-Health-Strategien ist das Werk auf dem neuesten wissenschaftlichen Stand. Themen wie psychosoziale Gesundheit, Gesundheitskompetenz, digitale Lebenswelten, Migration, Prävention chronischer Erkrankungen und gesundheitliche Ungleichheit werden in ihrer aktuellen Relevanz nachvollziehbar dargestellt.
Im Vergleich zu klassischen Public-Health-Einführungen wie Hurrelmann & Klotz oder internationalen WHO-Berichten überzeugt dieses Werk besonders durch seinen expliziten Fokus auf die Kindheit- und Jugendphase sowie den D-A-CH-Bezug. Dadurch wird es zu einem bedeutenden Werk für lokal tätige Akteure in Prävention und Gesundheitsförderung.
Das Fachwerk Public Health im Kindes- und Jugendalter ist ein bedeutendes, wissenschaftlich fundiertes und breit anwendbares Werk, das sich schnell als Standardliteratur etablieren dürfte. Den Herausgeber*innen gelingt es, Public-Health-Strukturen und konkrete Praxisansätze eng miteinander zu verzahnen. Ein Ansatz, der im deutschsprachigen Raum dringend benötigt wird. Besonders wertvoll ist die Verbindung aus theoretischem Fundament, methodischer Fundierung und praxisnahen strategischen Empfehlungen. Das Buch bietet umfassende Orientierung in einem zunehmend komplexen Gesundheitsfeld und stellt eine unverzichtbare Ressource für Fachpersonen in Forschung, Praxis und Politik dar.
Eine Rezension von Denise Vey
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