Foto: DIVI-Präsident Prof. Dr. med. Florian Hoffmann, DIVI-Generalsekretär Prof. Dr. med. Uwe Janssens und DIVI-Sektionssprecher Dr. med. Torben Brod (von links nach rechts) (Copyright: DIVI)

DIVI und DGINA legen Bestandsaufnahme zur Personalstruktur und Ausstattung deutscher Notaufnahmen vor

Die Ergebnisse einer gemeinsamen Umfrage der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) und der Deutschen Gesellschaft für Notfallmedizin (DGINA) zur personellen Ausstattung in deutschen Notaufnahmen zeichnen ein klares Bild: Weder bei den Ärzt:innen noch beim Pflegepersonal werden die geforderten Mindeststandards flächendeckend erreicht. „Allem voran ist die Anzahl der Ärztinnen und Ärzte mit Zusatzweiterbildung Klinische Akut- und Notfallmedizin noch viel zu gering, wie auch der Anteil der Pflegekräfte mit Fachweiterbildung Notfallpflege“, kommentiert DIVI-Präsident Professor Florian Hoffmann die vorgelegte Bestandsaufnahme, die jetzt open access publiziert wurde.

„Die Zahlen zeigen: Es sind noch große Anstrengungen erforderlich, um die von uns geforderten Struktur- und Personalanforderungen in Notaufnahmen zeitnah erfüllen zu können“, so auch der Erstautor der Studie, DIVI-Generalsekretär Prof. Uwe Janssens. Schließlich wolle man weiterhin und vor allem in der Zukunft eine qualitativ hochwertige Versorgung aller Patientinnen und Patienten sicherstellen.

Auch in der interdisziplinären Betreuung besteht erheblicher Verbesserungsbedarf. In zahlreichen Notaufnahmen fehlt es an Fachkräften für den Sozialdienst, die Krisenintervention oder das Case-Management – Unterstützungsangebote, die insbesondere für vulnerable Patientengruppen von zentraler Bedeutung sind. „Notfallmedizin endet nicht mit der Stabilisierung der Vitalfunktionen“, weiß Dr. Torben Brod, Sprecher der DIVI-Sektion Strukturen in der Klinischen Akut- und Notfallmedizin und Mitautor der Studie. „Auch psychosoziale Unterstützung und die Koordination weiterer Versorgungswege sind elementar!“

Zahlen und Daten von 176 Notaufnahmen aller Versorgungsstufen dokumentiert

Die Erhebung von DIVI und DGINA stützt sich auf eine bundesweite Online-Umfrage, die sich an die Leitungen von 1.008 Notaufnahmen in Deutschland richtete. Insgesamt nahmen 176 Einrichtungen aller Versorgungsstufen teil – von der Basisnotfallversorgung bis hin zur umfassenden Notfallversorgung. Im Mittelpunkt der Befragung standen unter anderem die Personalstruktur und -qualifikation, die Verfügbarkeit diagnostischer und therapeutischer Verfahren, das Qualitätsmanagement sowie die bauliche Ausstattung der Notaufnahmen.

Die anonyme Befragung wurde im Sommer 2023 durchgeführt. Grundlage der Erhebung war ein gemeinsamer Vorschlag von DIVI und DGINA zur Definition von Mindeststandards für Notaufnahmen.

Fachärzte fehlen – auch in der Kernarbeitszeit der Notaufnahme

Ein zentrales Ergebnis der Umfrage: In etwa der Hälfte der befragten Notaufnahmen ist die kontinuierliche Präsenz von Fachärztinnen und Fachärzten nicht sichergestellt. Besonders angespannt ist die Lage in Einrichtungen mit Basisnotfallversorgung – hier lag die durchgehende ärztliche Anwesenheit stellenweise bei lediglich 76 Prozent. Aber auch in Krankenhäusern höherer Versorgungsstufen wurden Defizite festgestellt, selbst während der Kernarbeitszeiten fehlte teilweise fachärztlich qualifiziertes Personal.

Auch im Bereich der Pflege zeigt sich ein ähnliches Bild: Zwar verfügen rund 90 Prozent der Notaufnahmen über eine fachlich qualifizierte Pflegeleitung. Doch der empfohlene Stellenschlüssel – eine Vollzeitpflegekraft je 1.200 Patientenkontakte – wird lediglich in 40 bis 63 Prozent der Einrichtungen erreicht.

Strukturelle Engpässe auch bei Ersteinschätzung von Notfallpatient:innen 

„Die im Zuge der Krankenhausreform so häufig angesprochene und wichtige Patientensteuerung kann in vielen Fällen durch fehlendes und nicht ausreichend qualifiziertes Personal durch die Notaufnahme nicht gewährleistet werden“, betont DIVI-Generalsekretär Janssens, Direktor der Klinik für Innere Medizin und Internistische Intensivmedizin am St.-Antonius-Hospital Eschweiler. Auch bei der Ersteinschätzung von Notfallpatient:innen offenbaren sich strukturelle Engpässe. Diese können schwerwiegende Folgen haben: Verzögerungen in der Behandlung lebensbedrohlicher Krankheitsbilder und eine unzureichende Priorisierung führen nicht nur zu ineffizienten Abläufen, sondern bergen auch erhebliche Risiken für die Patientensicherheit.

DIVI fordert mehr Anstrengung bei Weiterbildung des Personals in deutschen Notaufnahmen

Vor diesem Hintergrund fordert die DIVI eine flächendeckende Umsetzung der bereits vor Jahren von den Fachgesellschaften entwickelten Standards für Notaufnahmen.

„Der Zeitpunkt der Befragung liegt nunmehr fast zwei Jahr zurück“, gibt Sektionssprecher Torben Brod zwar zu bedenken. „Die Dynamik der angekündigten Reformen in der Notfallversorgung hat so auch möglicherweise bereits zu einer weiteren Verbesserung der Personalstrukturen geführt, aber hier können wir derzeit nur spekulieren.“ „Fakt ist“, ergänzt deshalb DIVI-Präsident Florian Hoffmann, „dass noch mehr Anstrengungen unternommen werden müssen, um die Weiterbildung des gesamten Personals in deutschen Notaufnahmen weiter zu verbessern! Dazu zählt dann auch die angemessene finanzielle und infrastrukturelle Ausstattung der Notaufnahmen.“

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